Einleitung

Biblia Sacra juxta Vulgatam versionem

Nach heutigem Sprachgebrauch versteht man unter der „Vulgata“ die lateinische Übersetzung der gesamten Heiligen Schrift, wie sie seit dem 7. Jahrhundert in der lateinischen Kirche allgemein gebräuchlich ist. Üblicherweise wird sie – durchaus nicht zu Unrecht – als Werk des heiligen Hieronymus angesehen, doch gilt dies nicht für alle biblischen Bücher in gleicher Weise: So sind im Alten Testament die meisten Bücher der Vulgata tatsächlich direkte Übersetzungen des heiligen Hieronymus aus dem Hebräischen. Die Fassung des Psalters dagegen, die Bestandteil der Vulgata geworden ist, beruht auf einem Text der „Vetus Latina“ (wie man die alten, vorhieronymianischen lateinischen Bibelübersetzungen zusammenfassend nennt), den Hieronymus nach einer griechischen Fassung korrigiert hat. Für andere Bücher, nämlich Sapientia (Weisheit Salomos [Sap], Ecclesiasticus (Jesus Sirach [Eccli]), Baruch [Bar] und Makkabäer [I-II Mcc], wurde der Text der Vetus Latina unverändert in die Vulgata übernommen. Für das Neue Testament gilt – wie für die Psalmen –, daß Vetus-Latina-Texte zugrunde gelegt, aber nach dem Griechischen verbessert wurden. Die Evangelien und die Briefe Pauli sind von Hieronymus selbst korrigiert; bei den übrigen Büchern des Neuen Testaments ist die Urheberschaft des Hieronymus an ihrer Revision für die Vulgata ebenso ungewiß wie die Identität möglicher weiterer Bearbeiter.

Hieronymus und sein Übersetzungswerk

Der Anstoß zur Schaffung der neuen Bibelübersetzung war vom römischen Bischof selbst gekommen, von Papst Damasus I. Die mitunter auch inhaltlich relevanten Abweichungen der im Umlauf befindlichen lateinischen Texte hatten ihn veranlaßt, für die Erarbeitung eines korrekten und zuverlässigen lateinischen Bibeltextes Sorge zu tragen. So hatte er seinen Sekretär Hieronymus mit einer Revision der Vetus-Latina-Texte beauftragt, wie dieser selbst berichtet: „ut post exemplaria scripturarum toto orbe dispersa quasi quidam arbiter sedeam et [...] quæ sint illa quæ cum græca consentiant veritate decernam“. Hieronymus war wie kein anderer für diese Aufgabe geeignet: Nach klassischem Kanon bei dem berühmten Grammatiker Donatus in Rom ausgebildet, in der lateinischen wie griechischen Litteratur gleichermaßen bewandert, hatte er überdies während eines mehrjährigen Aufenthalts in Syrien Hebräisch und Aramäisch gelernt.

Der Kirchenvater begann das Werk mit der Revision der Evangelien; es folgten die paulinischen Briefe, vielleicht auch weitere neutestamentliche Schriften, sowie die Psalmen, deren Text er nach der LXX (Septuaginta) korrigierte, der griechischen Schriftübersetzung der hellenistischen Alexandriner Juden. Als sich Hieronymus nach dem Tod des Damasus im Jahre 384 bei Bethlehem niederließ, konnte er für die weitere Arbeit am Alten Testament die Hexapla heranziehen, die von Origenes herausgegebene sechsspaltige Gegenüberstellung von hebräischem Alten Testament, LXX und vier weiteren griechischen Übersetzungen, von der ihm ein Exemplar im palästinensischen Cæsarea zur Verfügung stand. Wiederum überarbeitete er die Psalmen, diesmal nach der hexaplarischen LXX. Diese Fassung hat nachmals als „Psalterium Gallicanum“ große Bedeutung gewonnen. Nach der Revision weiterer alttestamentlicher Bücher, von der sich nur Spuren erhalten haben, entschloß Hieronymus sich zu einer von Grund auf neuen Übersetzung des Alten Testaments aus dem Urtext. Diese Arbeit erstreckte sich über die anderthalb Jahrzehnte von 390 bis etwa 405/406 und umfaßte alle Bücher des Alten Testaments außer Sap, Eccli, Bar, I-II Mcc, also auch – erneut – die Psalmen.

Unterschiedliche Versionen des Psalters

Diese Psalmenübersetzung „juxta Hebræos“ fand zunächst Eingang in die Gesamtausgabe der Vulgata. Doch es war die bereits separat herausgegebene Version „juxta LXX“, die allgemeine Akzeptenz fand und fast überall liturgisch gebraucht wurde, insbesondere in Gallien, weshalb sie später „Psalterium Gallicanum“ genannt wurde. Doch erst die karolingische Liturgiereform unter Karl dem Großen und Alkuin trug ihrer faktischen Dominanz Rechnung und ließ diese Fassung an Stelle der Übertragung aus dem Hebräischen in die Vulgata aufnehmen. Wegen der historischen Bedeutung bringen wir hier beide Fassungen parallel.

Der Weg der Vulgata zu verbindlicher Geltung

In karolingischer Zeit war die Vulgata als solche bereits weitgehend als maßgebliche lateinische Bibel anerkannt. Der Prozeß allmählicher Verdrängung der Vetus Latina hatte sich allerdings über Jahrhunderte hingezogen und war erst im 7. Jahrhundert zum Abschluß gekommen, wenn sich auch später noch immer wieder vereinzelte Zitate aus der Vetus Latina finden.

Der Text der Vulgata ist in sehr vielen Handschriften überliefert. Deren mannigfältigen Lesarten lassen verstehen, weshalb immer wieder der Versuch unternommen wurde, den „richtigen“, maßgeblichen Text festzustellen und festzuschreiben. Alkuin haben wir bereits erwähnt, den Leiter der Reformen Karls des Großen. Sein Vulgata-Text blieb jahrhundertelang Maß der Dinge. Im 13. Jahrhundert, als die Pariser Universität sich zur Lehrmeisterin des Abendlands aufschwang, wurde deren Bibeltext zum „Urmeter“ der Kopisten. Später sorgte der Buchdruck für eine gewisse Vereinheitlichung. Das Konzil von Trient schließlich legte im Jahre 1546 mit lehramtlicher Autorität die Verbindlichkeit der Vulgata fest, veranlaßte zugleich aber eine kritische Revision des Textes. 1590 gab Papst Sixtus V. einen revidierten Text die „Sixtina“ heraus, der jedoch wegen zahlreicher offensichtlicher Fehler gleich nach dem Tod des Papstes wieder kassiert wurde. Zwei Jahre später, 1592, promulgierte Clemens VIII. eine erneut korrigierte Fassung, die „Clementina“. Sie wurde erst durch die Promulgation der „Nova Vulgata“ im Jahre 1979 durch Johannes Paul II. offiziell abgelöst, ohne daß diese sie jedoch seitdem hätte überflüssig machen können.

Wir geben hier im wesentlichen den Text der Clementina wieder, einschließlich der in der Appendix abgedruckten Apokryphen. Auch die Bücher Esther und Daniel bieten wir im vollständigen Text.

Robert Ketelhohn