Einführung

Paulus Diaconus, der Historiker des Langobardenvolks und Mönch zu Monte Cassino, Sohn eines Warnefrid aus alter langobardischer Famile, die 569 im Gefolge König Alboins nach Italien gekommen war, wurde zwischen 720 und 730 zu Cividale im Friaul geboren. Er starb im Jahre 799 im Montecassineser Kloster des heiligen Benedict, der Mutter aller abendländischen Klöster. Allerdings hatte Monte Cassino nicht ununterbrochen bestanden: Schon 577, also bloß knapp fünfzig Jahre nach seiner Gründung durch Benedict, war es vom Beneventaner Langobardenherzog Zotto zerstört, die Mönche vertrieben worden. Erst im Jahre 718 wurde es von Brescia aus neu errichtet. Wenige Jahrzehnte später wurde nun wiederum ein Langobarde bedetsam für das Kloster, jedoch nicht als Zerstörer, sondern als Vater einer bemerkenswerten kulturellen Blüte: Paulus Diaconus.

Der junge Paulus hatte am langobardischen Königshof zu Pavia eine gediegene grammatisch-rhetorische und juristische Ausbildung erhalten, die noch von der Tradition römischer Bildung lebte und zehrte. Von König Ratchis ermuntert, befaßte er sich bald mit intensiven theologischen Studien. Diese Studien sind ohne Zweifel in Zusammenhang mit Pauls späterem Eintritt ins Kloster Monte Cassino zu sehen, über den jedoch nichts Näheres bekannt ist, auch nicht der Zeitpunkt. Es liegt aber nahe, ihn bald nach der Abdankung des Ratchis im Jahre 749 ansetzen, denn auch König Ratchis, der seinem Bruder Aistulf Platz machte, wurde Benediktiner in Monte Cassino.

Im Kloster wird Paulus die Position des Scholasticus bekleidet haben, des Lehrmeisters der Klosterschule. Jedenfalls wissen wir, daß er auch über die Klostermauern hinaus seine Unterrichtstätigkeit entfaltete. Zu seinen Schülern zählte Adelperga, die Tochter des letzten Langobardenkönigs Desiderius und Gemahlin des Beneventaner Herzogs Arechis. Ihr widmete Paulus seine Historia Romana, die auf dem Breviarium des Eutrop aufbaut. Für Herzog Arechis selber schrieb er das Preisgedicht Æmula Romuleis auf die Wiedererrichtung der Stadt Salerno.

Als Karl der Große im Jahre 774 Desiderius abgesetzt und die Langobardenkrone selber errungen hatte und es zwei Jahre später zu einem Ausbruch langobardischen Widerstands im Friaul kam, der freilich schnell gebrochen wurde, da war unter den Gefangenen Langobarden, die die Franken nordwärts mitführten, auch ein Bruder unseres Paulus Diaconus, namens Arechis. Paulus machte sich schließlich – im Jahre 782 – auf den Weg nach Aachen, um die Freilassung seines Bruder vom Frankenkönig zu erwirken. Karl gewährte die Bitte, stellte aber eine Bedingung: Paulus müsse eine Zeitlang am karolingischen Königshof lehren und schreiben.

Neben verschiedenen kleineren Dichtungen verfaßte er dort die Gesta episcoporum Mettensium, eine nach den Vorbild des römischen Liber pontificalis gestaltete Geschichte der Bischöfe von Metz, zugleich aber auch ein Lob der karolingischen Herrscherfamilie. Daneben entstand vermutlich auch noch hier seine auswählende Bearbeitung des Wörterbuchs des Festus aus dem zweiten Jahrhundert.

Spätestens im Jahre 787 kehrte Paulus nach Monte Cassino zurück, blieb aber weiterhin in Verbindung mit dem fränkischen Hof. So sind ein nach der Rückkehr entstandenes Homiliar und ein nicht erhaltener Kommentar zur Benediktinerregel Karl dem Großen zugedacht.

In seinen letzten Lebensjahren widmete Paulus sich vor allem der Arbeit an seinem berühmtesten Werk, der Geschichte seines Langobardenvolks, die er von den sagenhaften Ursprüngen bis zum Tode König Liutprands im Jahre 744 führt. Dessen lange, segensreiche Herrschaft (712 - 744) stellt Paulus, und zwar ohne Zweifel zu Recht, als den Höhepunkt der langobardischen Geschichte dar.

Daß er dabei einige episodenhafte Konflikte Liutprands mit dem römischen Papsttum mit Stillschweigen übergeht, ist bezeichnend: Er war ein Mann des Königs Ratchis, und das bedeutet: ein Mann der Kirche. Ratchis teilte, wenn man so will, den karolingischen Geist, die karolingische Anhänglichkeit gegenüber dem Stuhl Petri. So suchte er nicht bloß den Ausgleich mit dem Papst, sondern auch mit den Franken. Dies paßte der langobardischen Aristokratie nicht, Ratchis mußte seinem ungestümeren Bruder Aistulf weichen. Aistulf hatte nichts Besseres zu tun, als das Patrimonium Petri zu bedrohen und zu attackieren, wofür er prompt von den Franken unter Pippin aufs Haupt geschlagen wurde.

Nach Aistulfs Ende und einem erneuten, kurzen Intermezzo des Ratchis übergab dieser die Krone dem Desiderius, der eine gemäßigte Politik zu verfolgen versprach. Allein kaum daß er die Macht in Händen hielt, kehrte er in Aistulfs Bahnen zurück. Das Ende ist bekannt: Der Franke Karl nahm den Langobarden für immer die Herrschaft, deren Eiserne Krone wurde gebunden an den Besitz der fränkisch-deutschen Krone, das Volk der Langobarden ging auf im italischen Blut.

Paulus Diaconus hat dies Ende seines Langobardenvolks miterlebt, doch er schildert es nicht. Möglich, daß das Werk unvollendet blieb, weil sein Verfasser starb. Doch in sich geschlossen und plausibel ist seine Langobardengeschichte dennoch, plausibler womöglich, als sie wäre, hätte er noch die jüngste Zeitgeschichte angehängt. Paulus ist und bleibt stolzer Langobarde, das ist keine Frage. Aber die Irrwege eines Aistulf und Desiderius und das Scheitern seines Ratchis an den Machtgelüsten der Großen des Reichs hat er nur als tragisch erleben können. Er mußte die Wege der karolingisch-fränkischen Politik als recht erkennen, den Übergang der Eisernen Krone von den übermütigen Langobarden auf die Franken als historisch folgerichtig und gottgefällig, ja als Werk Gottes, des Herrn aller Geschichte.

Paulus Diaconus setzt seinem Volk ein Denkmal, das in dem Bestem gipfelt, was dies Volk hervorgebracht hat: dem Reich Liutprands. Aktuelle politische Ziele – etwa eine Restauration im Geiste Liutprands – hat er nicht im Sinn. Die Geschichte ist weitergegangen, Liutprands würdiger Nachfolger heißt Karl. Dank solchen Männern wie Paulus Diaconus ist das Erbe der Langobarden über die Franken in die abendländische Tradition eingegangen.

Robert Ketelhohn