Georg Eder, Erzbischof von Salzburg und »Primas Germaniæ«:
Liebe Katholiken der Erzdiözese Salzburg!
Es ist etwa um das Jahr 110 n. Chr. Im Mittelmeer segelt eine kleine Flotte nach Rom. Auf einem dieser Schiffe sitzt ein Bischof, Ignatius von Antiochien, an die Leoparden gekettet (das sind die Wachsoldaten, die immer noch grausamer werden, je freundlicher er zu ihnen ist). Die Reise geht in den Tod. Spätestens im Jahr 117 wird Ignatius im Kolosseum den Bestien vorgeworfen. Was tut der zum Tod verurteilte Bischof, wenn er etwas Ruhe hat? Er schreibt Briefe an sieben verschiedene Gemeinden. In einem dieser Briefe heißt es: Bemüht euch, nur eine Eucharistie zu feiern; denn es ist nur ein Fleisch unseres Herrn Jesus Christus und nur ein Kelch zur Einigung mit seinem Blute, nur ein Altar, wie nur ein Bischof ist in Verbindung mit dem Presbyterium und den Diakonen (An die Gemeinde von Philadelphia). Und im Brief an die Smyrnäer: Keiner tue ohne den Bischof etwas, das die Kirche angeht. Nur jene Eucharistie gelte als die gesetzmäßige, die unter dem Bischof vollzogen wird oder durch den von ihm Beauftragten. Das sagt Ignatius, der zweite Petrus von Antiochia, der zum erstenmal die Kirche katholisch nennt. Damit sind wir beim Thema. Die eine Eucharistie.
Der Herr Jesus hat den Zwölf beim Letzten Abendmahl aufgetragen: Tut das zu meinem Gedächtnis! Er hatte Brot genommen, es gebrochen und den Jüngern gereicht mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Und er hatte den Kelch genommen und gesagt: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blute. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Seit den Tagen der Apostel hält die Kirche daran fest, daß in dieser einen Eucharistie das einmalige Opfer Christi am Kreuz nicht wiederholt, aber gegenwärtig gesetzt wird durch die Worte des Priesters, die er in der Vollmacht Christi capitis ecclesiae (als Haupt der Kirche) spricht.
Die Einheit der von Christus gegründeten Kirche ging verloren. Im Morgenländischen Schisma (1054) zerfiel diese Kirche in eine Ost- und eine Westkirche: die orthodoxe und die römisch-katholische Kirche. Im 16. Jahrhundert brach auch die Kirche des Abendlandes auseinander; der Name Reformation nennt nur das Anliegen Martin Luthers, die Folge war in Wahrheit eine neue Spaltung. Auf dem Terrain dieser beiden Grundspaltungen entwickelten sich neue Kirchen: Innerhalb der Orthodoxie bildeten sich Nationalkirchen, im Westen entstand infolge weiterer Spaltungen z. B. die anglikanische Kirche, die High-Church (= Staatskirche). Im 18. Jahrhundert gab es in England eine Art Erweckungsbewegung, getragen besonders von John und Charles Wesley es bildete sich die methodistische Kirche. Heute ist diese in etwa 70 verschiedene Mitgliedskirchen geteilt; sie bilden eine Dachorganisation im Weltrat methodistischer Kirchen. Die weiteren Trennungen der Freikirchen und anderer christlicher Gruppen ist ohne Zahl. Johannes Paul II. nennt das 2. Jahrtausend ein Jahrtausend der Spaltungen.
Aber auch die Sehnsucht wächst. Die Sehnsucht der vielen, die an Christus glauben, wieder zu einer Kirche zusammenzuwachsen, nur an dem einen Altar sich zu versammeln und mit einer Stimme Gott zu preisen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat nicht nur den Katholiken, sondern auch den anderen christlichen Gemeinschaften einen mächtigen Auftrieb gegeben, die ökumenischen Bestrebungen wachsen vor allem durch die Bemühungen Johannes Pauls II.
Der Weg zur vollen Einheit ist aber viel schwieriger und länger, als man in der Anfangseuphorie des Konzils glaubte. Wer, was kann die Einheit bewirken? Man könnte meinen, das eine Evangelium, das doch allen Christgläubigen gemeinsam ist, müßte zur Einheit führen. Leider ist es nicht so. All die verschiedenen Kirchen gehen mit diesem Evangelium predigen. Und lesen so Verschiedenes heraus (oder hinein), daß immer neue christliche Gruppen entstehen. So wird unsere eine Botschaft immer unglaubwürdiger. Wer wird uns noch Glauben schenken?
Je länger ich darüber nachdenke, um so deutlicher wird mir, daß es doch die Eucharistie ist, die eine Eucharistie unter dem einen Hohenpriester Jesus Christus. Das aber ist heute (noch) nicht möglich. Weil die Auffassungen über Kirche, Amt, Priestertum noch um Welten auseinander liegen, wie eine evangelische Superintendentin vor kurzem sagte. Die evangelische Kirche kennt z. B. gar keine Eucharistie, sondern nur das Abendmahl, sie hat das Sakrament der Weihe nicht; und andere Gemeinschaften haben noch mehr verloren. Diese tiefen Gräben, durch jahrhundertelange Trennung und theologische Kämpfe vertieft, können nicht durch einen kühnen Sprung der Liebe überwunden werden. Wer es dennoch versucht, macht es wie der Winter: Er deckt die Gräben mit Schnee zu. Diese dünne Schneedecke aber trägt nicht.
Wenn nun ein Priester die Eucharistie mit einem Amtsträger einer anderen christlichen Gemeinschaft der ja als Laie keine priesterliche Vollmacht hat feiert, täuscht er eine Eucharistie nur vor, denn diese ist nach katholischem Glauben ungültig. Priester der katholischen Kirche, die solches tun, führen ihre Gemeinde in die Irre, denn sie geben ihr statt des Leibes und Blutes Christi nur Brot und Wein. Dadurch entsteht aber ein immenser Schaden am katholischen Glauben und an der Einheit der Kirche, und die wahre (authentische) ökumenische Bewegung wird weit zurückgeworfen. Wie könnte ein Priester die Wiedervereinigung der getrennten Christen (Unitatis Redintegratio) dadurch fördern, daß er die eigene Kirche spaltet? Ja, der Leib Christi wird so von neuem gespalten! Ignatius von Antiochien beschwört die eine Eucharistie, die unter dem Bischof vollzogen wird, denn sie ist das Sakrament der Einheit. Wer aber bewußt und wiederholt diese Interzelebration macht, handelt genau dem entgegen, dem der Dienst der Einheit aufgetragen ist. Diese Sünde wiegt schwer.
Man hält dem entgegen, daß die Interzelebration schon gängige Praxis sei. Wenn die evangelische Landesbischöfin Maria Jepsen in Rom darauf hinweist, daß evangelische und katholische Christen in Pfarrgemeinden bereits gemeinsam Abendmahl feiern (sie sagt bewußt nicht Eucharistie, denn die gibt es bei ihnen nicht), dann muß das alle Bischöfe aufschrecken. Wenn aber die Kirche von unten für den Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin nach eigenen Angaben eine offene Kommunion mit gemeinsamem Abendmahl plant (und durchführt), ist es wohl bereits zu spät.
Das Zweite Vatikanische Konzil spricht anders: Die Bekehrung der Herzen und die Heiligkeit des Lebens in Verbindung mit dem privaten und öffentlichen Gebet ist für die Einheit der Christen als Seele der ganzen ökumenischen Bewegung anzusehen; sie kann mit Recht geistlicher Ökumenismus genannt werden (Unitatis Redintegratio, Nr. 21). Wie viel arbeiten wir nach innen?
In den Medien wird viel Unsinn verbreitet. Man redet und schreibt kühn darauflos, ohne jegliche Kenntnis der Causa, noch weniger der Geschichte. Und es ist bitter zu beklagen, daß viele unserer treuen Kirchenbeitragszahler, aber auch unserer Sonntagschristen kaum noch etwas wissen über das Wesen der heiligen Messe. Wie kommt das? Was wurde denn in den vergangenen drei Jahrzehnten darüber gepredigt? Wie verschwindet trotz der Liturgieerneuerung das Verständnis für die Eucharistie? Fragen über Fragen. Mit Sicherheit wissen mehr als 90 % nicht mehr, worum es in dieser Auseinandersetzung geht.
Wenn aber die Situation so ist und ich könnte noch vieles zur Bebilderung beitragen dann weist dies auf ein langjähriges Versagen der Hirten hin. Wir, die vom Herrn bestellten Wächter, haben unsere Pflicht schlecht erfüllt, wir sind säumig geworden. Wir Bischöfe haben uns viel zu wenig um die Herde gekümmert, wir haben die reißenden Wölfe eindringen lassen. An den Katholischen Fakultäten der Universitäten lehrten jahrzehntelang Professoren, die das katholische Dogma der Eucharistie und andere katholische Wahrheiten paralysierten. Im Religionsunterricht wurden und werden die eucharistischen Wahrheiten mit schweren Defiziten weitergegeben. Ja, die Hirten sind schuldig geworden, das Salz ist schal geworden, es wird bald zertreten werden.
Was ich in dieser Stunde der Not tun und sagen kann, ist das eine: Scharen wir uns um unseren Papst und noch mehr um unseren Herrn Jesus Christus Dominus Jesus. Beten wir, beten wir! Beten wir an. Beten wir zu Maria, der Mutter der Kirche. Ich schließe mit einem Wort des Dichters Reinhold Schneider, der so vielen Menschen in der Kriegs- und Nachkriegszeit den Weg gewiesen hat:
Nur den Betern kann es noch gelingen,
Denn Täter werden nie den Himmel zwingen:
Was sie vereinen, wird sich wieder spalten,
Was sie erneuern, über Nacht veralten,
Und was sie stiften, Not und Unheil bringen.
Der Herr sei mit euch!
+ Georg Eder, Erzbischof
Dieser Hirtenbrief ist am Sonntag, 12. November 2000 bei allen Gottesdiensten zu verlesen.