Zweites Vatikanisches Konzil:

Paulus Bischof, Knecht der Knechte Gottes
zusammen mit den Vätern des Hochheiligen Konzils
zum immerwährenden Gedächtnis der Sache

Dekret »Nostra ætate«
über das Verhältnis der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen

1. In unserer Zeit, da das Menschengeschlecht sich täglich enger vereint und die Bindungen unter den Völkern sich mehren, erwägt die Kirche aufmerksamer, welches ihr Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen sei. In ihrem Amte, die Einheit und Liebe unter den Menschen zu begünstigen, auch wohl unter den Völkern, bedenkt sie hier zuerst das, was den Menschen gemein ist und zum gegenseitigen Verkehr hinführt.

Denn eine einzige Gemeinschaft sind alle Völker, sie haben einen einzigen Ursprung, weil Gott das ganze Menschengeschlecht wohnen machte auf dem gesamten Antlitz der Erde1, und sie haben auch ein einziges letztes Ziel, nämlich Gott, dessen Vorsehung, dessen Bezeugung seiner Güte und dessen Heilsratschlüsse sich auf alle erstrecken2, bis daß die Erwählten vereint werden in der Heiligen Stadt, wo die Klarheit Gottes erstrahlt und die Völker in seinem Lichte wandeln werden3.

Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen Antwort über die verborgenen Rätsel des menschlichen Standes, welche wie einst, so auch heute die Herzen der Menschen zuinnerst bewegen: Was der Mensch sei; was Sinn und Ziel unseres Lebens sei; was das Gute und was die Sünde sei; welchen Ursprung das Leiden habe und welchen Zweck; was der Weg sei, die wahre Glückseligkeit zu erlangen; was der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem Tode seien; was endlich jenes letzte und unaussprechliche Mysterium sei, das unser Dasein umgibt, woher wir unsern Ursprung nehmen und wohin wir gehen.

2. Schon von alters her bis auf die heutige Zeit findet man bei verschiedenen Völkern eine gewisse Wahrnehmung jener verborgenen Kraft, die den Lauf der Dinge und die Geschicke des menschlichen Lebens lenkt, ja zuweilen gar die Anerkenntnis eines Höchsten Wesens oder sogar eines Gottvaters. Diese Wahrnehmung und Anerkenntnis durchdringen deren Leben infolge eines tiefinneren religiösen Sinns. Die Religionen aber, mit dem Fortschritt der Kultur verbunden, mühen sich, mit genaueren Begriffen und in ausgefeilterer Sprache auf dieselben Fragen zu antworten. So erforschen im Hinduismus die Menschen das göttliche Mysterium, geben ihm in der unerschöpflichen Fruchtbarkeit ihrer Mythologie und durch scharfsinnige Versuche ihrer Philosophie Gestalt und suchen Befreiung aus der Enge unseres Standes, sei es durch Formen aszetischen Lebens, sei es durch tiefe Meditation, sei es, indem sie mit Liebe und Vertrauen Zuflucht zu Gott nehmen. Im Buddhismus wird, seinen verschiedenen Ausprägungen zufolge, das wurzelhafte Ungenügen dieser wandelbaren Welt erkannt und ein Weg gelehrt, auf welchem die Menschen demütigen und vertrauenden Sinns imstand sein sollen, entweder einen Zustand vollkommener Befreiung zu erwerben oder – sei es durch eigene Bemühungen, sei es gestützt auf höheren Beistand – zur höchsten Erleuchtung zu gelangen. So trachten auch die übrigen Religionen, die man über die ganze Welt hin antrifft, der Unruhe des Menschenherzens auf verschiedenerlei Weise zu begegnen, indem sie Wege weisen, nämlich Lehren und Lebensregeln sowie geheiligte Riten.

Die katholische Kirche weist nichts von dem zurück, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtiger Achtung betrachtet sie jene Handlungs‑ und Lebensweisen, jene Regeln und Lehren, welche – so sehr sie auch in vielem von dem abweichen, was sie selbst festhält und lehrt – dennoch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit widerspiegeln, die alle Menschen erleuchtet. Sie verkündigt aber und hält daran fest, unablässig Christus zu verkündigen, welcher ist »der Weg, die Wahrheit und das Leben«4. Die Kirche mahnt also ihre Söhne, als Zeugen christlichen Glaubens und Lebens mit Klugheit und Liebe durch Gespräche und Zusammenarbeit mit den Anhängern anderer Religionen jene geistlichen und sittlichen Güter sowie jene sozio-kulturellen Werte, die man bei ihnen findet, zu erkennen, zu wahren und zu fördern.

3. Die Kirche blickt auch mit Wertschätzung auf die Muslime, die einen einzigen Gott anbeten, als Lebendigen und Seienden, als Barmherzigen und Allmächtigen, als Schöpfer des Himmels und der Erde5, der zu den Menschen gesprochen hat, dessen Entscheidungen, sogar den verborgenen, sie sich mit ihrem ganzen Sinn zu unterwerfen bemühen, so wie seinem Gott sich Abraham unterwarf, auf welchen der islamische Glaube gern Bezug nimmt. Jesus, den sie freilich nicht als Gott anerkennen, verehren sie gleichwohl als Propheten, und sie achten Maria als seine jungfräuliche Mutter und rufen sie zuweilen auch demütig an. Darüberhinaus erwarten sie einen Tag des Gerichts, wann Gott allen Menschen, nachdem sie auferweckt sind, vergelten wird. Darum schätzen sie das sittliche Leben und verehren Gott vor allem in Gebet, Almosen und Fasten.

Wenn nun im Verlauf der Jahrhunderte zwischen Christen und Muslimen nicht wenige Meinungsverschiedenheiten und Feindschaften entstanden sind, so ermahnt diese Hochheilige Synode alle, das Vergangene zu vergessen, sich ernstlich im gegenseitigen Verständnis zu üben und gemeinsam für alle Menschen soziale Gerechtigkeit, sittliche Güter sowie Frieden und Freiheit zu schützen und zu fördern.

4. Indem sie das Mysterium der Kirche erforscht, gedenkt diese Heilige Synode des Bandes, durch welches das Volk des Neuen Bundes mit dem Geschlecht Abrahams geistlich verbunden ist.

Denn die Kirche Christi anerkennt, daß die Anfänge ihres Glaubens und ihrer Erwählung gemäß dem Heilsmysterium Gottes schon bei den Patriarchen, bei Moses und den Propheten zu finden sind. Sie bekennt, daß alle Christgläubigen, Abrahams Söhne nach dem Glauben6, in die Berufung eben dieses Patriarchen eingeschlossen sind und daß das Heil der Kirche im Auszug des erwählten Volks aus dem Land der Knechtschaft mystisch vorausbedeutet wird. Darum kann die Kirche nicht vergessen, daß sie durch jenes Volk, mit welchem Gott aus seiner unaussprechlichen Barmherzigkeit den Alten Bund einzugehen für würdig befand, die Offenbarung des Alten Testaments empfangen hat und sich nährt aus der Wurzel des guten Ölbaums, in den die wilden Ölzweige der Heidenvölker eingepfropft sind7. Denn die Kirche glaubt, daß Christus, unser Friede, durch das Kreuz Juden und Heiden versöhnt und beide in Sich Selbst eins gemacht hat8.

Die Kirche hat auch stets die Worte des Apostels Paulus über seine Blutsverwandten vor Augen, »die die Annahme an Sohnes Statt erlangt haben, die die Herrlichkeit haben, den Bund, das Gesetz, den Dienst und die Verheißungen, aus denen die Väter stammten und aus denen Christus stammt nach dem Fleische (Rm 9,4-5), der Sohn der Jungfrau Maria. Sie ist auch eingedenk, daß aus dem jüdischen Volk die Apostel geboren sind, die Grundfesten und Säulen der Kirche, und die meisten jener Jünger, die das Evangelium Christi der Welt verkündigt haben. Nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift hat Jerusalem die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkannt9, und die Juden haben zum großen Teil das Evangelium nicht angenommen, ja nicht wenige haben sich seiner Ausbreitung sogar entgegengestellt10. Nichtsdestoweniger bleiben dem Apostel zufolge die Juden um der Väter willen bis jetzt dem Gott, dessen Gaben und Berufung keine Reue kennen, besonders lieb11. Eins mit den Propheten und dem nämlichen Apostel, erwartet die Kirche den Gott allein bekannten Tag, wann alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und »ihm dienen werden Schulter an Schulter«12. Da also das Christen und Juden gemeinsame geistliche Vätererbe so groß ist, will diese Heilige Synode beider gegenseitige Kenntnis und Achtung, welche zumal durch biblische und theologische Studien und durch brüderliche Gespräche erreicht wird, fördern und empfehlen.

Wenn auch die Autoritäten der Juden samt ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben13, so kann man dennoch das, was bei Seinem Leiden verübt ward, weder allen damals lebenden Juden unterschiedslos zurechnen, noch den heutigen Juden. Obgleich die Kirche nun aber das neue Volk Gottes ist, sollen die Juden dennoch weder als von Gott Verworfene noch als Verfluchte dargestellt werden, so als ob dies aus den Heiligen Schriften folgte. Darum mögen alle Sorge tragen, daß sie nicht in Katechese und Predigt des Gotteswortes etwas lehren, was mit der evangelischen Wahrheit und dem Geist Christi nicht übereinstimmt.

Ferner beklagt die Kirche, die alle, welche Menschen auch immer betreffenden Verfolgungen ablehnt, eingedenk ihres mit den Juden gemeinsamen Vätererbes, und nicht aus politischen Gründen, sondern getrieben von der frommen Liebe des Evangeliums, den Haß, die Verfolgungen und die Kundgebungen des Antisemitismus, die sich, zu welcher Zeit und von wessen seiten auch immer, gegen die Juden richteten.

Im übrigen hat Christus, wie die Kirche allezeit festhielt und hält, wegen der Sünden aller Menschen freiwillig sein Leiden und den Tod aus übergroßer Liebe auf sich genommen, auf daß alle das Heil erlangen können. Darum ist es die Pflicht der predigenden Kirche, das Kreuz Christi zu verkündigen als Zeichen der allumfassenden Liebe Gottes und als Quell aller Gnade.

5. Wir können aber nicht Gott als den Vater aller anrufen, wenn wir es ablehnen, uns gegen gewisse Menschen brüderlich zu verhalten, die doch nach dem Bilde Gottes erschaffen sind. Das Verhalten des Menschen Gott dem Vater gegenüber und das Verhalten des Menschen gegenüber den Menschen als seinen Brüdern hängen so sehr miteinander zusammen, daß die Schrift sagt: »Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht« (I Joh 4,8).

Somit wird jeder Theorie oder Praxis die Grundlage entzogen, die zwischen Mensch und Mensch, zwischen Volk und Volk eine Unterscheidung hinsichtlich der menschlichen Würde und der aus ihr hervorgehenden Rechte einführt.

Die Kirche verwirft also jede Ausgrenzung oder Mißhandlung von Menschen, wenn sie wegen der Abstammung oder Hautfarbe, wegen des Standes oder der Religion geschieht, als dem Geiste Christi fremd. Daher beschwört die Heilige Synode die Christgläubigen eindringlich und den Fußstapfen der heiligen Apostel Peter und Paul folgend, daß sie, wenn es möglich ist, »einen guten Wandel unter den Heiden führen« (I Petr 2,12) und, soweit es an ihnen liegt, mit allen Menschen Frieden halten möchten14, auf daß sie wahrhaft Kinder des Vaters seien, der in den Himmeln ist15.

Dies alles und jedes einzelne, was in dieser Erklärung verordnet ist, haben die Väter des Hochheiligen Konzils beschlossen. Auch Wir billigen, beschließen und verordnen es im Heiligen Geist durch die Uns von Christus übertragene Apostolische Vollmacht, zusammen mit den Ehrwürdigen Vätern, und gebieten, zur Ehre Gottes zu promulgieren, was so durch synodalen Beschluß verordnet worden ist.

Zu Rom bei Sankt Peter am 28. Oktober im Jahre 1965.

Ich Paulus, Bischof der Katholischen Kirche

Es folgen die Unterschriften der Väter.


1 Vgl. Apg 17,26.
2 Vgl. Weish 8,1; Apg 14,17; Röm 2,6-7; I Tim 2,4.
3 Vgl. Offb 21,23-24.
4 Vgl. II Kor 5,18-19.
5 Vgl. Hl. Gregor VII., Brief III,21 an Anazir (Al-Nāşir), König von Mauretanien, hrsg. von E. Caspar in MGH, Ep. sel. II, 1920, Bd. 1, S. 288, 11-15; PL 148, 451 A.
6 Vgl. Gal 3,7.
7 Vgl. Röm 11,17-24.
8 Vgl. Eph 2,14-16.
9 Vgl. Lk 19,44.
10 Vgl. Röm 11,28.
11 Vgl. Röm 11,28-29; II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche »Lumen gentium«, AAS 57 (1965), S. 20.
12 Vgl. Is 66,23; Ps 65,4; Röm 11,11-32.
13 Vgl. Joh 19,6.
14 Vgl. Röm 12,18.
15 Vgl. Mat 5,45.

 

 

Übersetzung: Robert Ketelhohn