Pio Edgardo Mortara

»Ich bin das Kind Mortara«

Eine autobiographische Skizze von Abbé Pio Edgardo Mortara CRL
nebst zwei Reden vom Würzburger Katholikentag 1893

Ich wurde im Jahre 1851, den 27. August, also am Vorabende des großen Heiligen und Kirchenlehrers Augustin zu Bologna, im Kirchenstaate geboren und war das sechste von den elf Kindern meiner jüdischen Eltern. Der Vater, Rabbi Salomon Levi, war Handelsmann in der genannten Stadt und hatte sein Haus in der Via delle Lamme. Die Mutter führt die Namen Marianna Padovani. Beide Eltern waren ihren israelitischen Glaubenslehren und Gebräuchen sehr zugetan und gaben mir nach ihren Grundsätzen eine äußerst sorgfältige Erziehung. Bei der vom mosaischen Gesetze vorgeschriebenen Beschneidung hat man mir den hebräischen Namen Gad (Edgar Levi) gegeben.

Im Alter von kaum zehn Monaten wurde ich von einer schweren Krankheit – der Arzt erklärte sie als eine Gastritis – ergriffen; sie machte in wenigen Tagen solche Fortschritte, daß der Arzt alle Hoffnung, mich zu retten, aufgab. Meine Eltern waren tief betrübt, und die Mutter saß fast beständig bei meiner Wiege, weinte und seufzte. Nun wollte der liebe Gott sich meiner armen Seele erbarmen.

Im Kirchenstaate war es den Juden durch ein Staatsgesetz strengstens verboten, christliche Dienstboten zu halten. Trotz dieses Verbotes befand sich in unserer Familie eine katholische Magd, namens Anna Morisi, wahrscheinlich wohl aus dem Grunde, weil die Jüdinnen durchaus nicht dienen wollen, und die christlichen Mägde, was selbst die Juden zugeben, viel treuer und zuverlässiger sind. Das erwähnte Staatsgesetz war eigentlich zugunsten der Juden gegeben worden, um solchen Fällen, wie es der meinige wurde, vorzubeugen. Meine Eltern mußten sich nun natürlich die Folgen dieser Übertretung gefallen lassen.

Anna Morisi war ein gut erzogenes und frommes Mädchen, und wünschte nun, wie sie sich später ausdrückte, eine Seele in den Himmel zu bringen, und dachte ernstlich daran, mir vor meinem Tode die hl. Taufe zu spenden. Obwohl sie ihren Katechismus ordentlich kannte, so erkundigte sie sich doch, um sicher zu gehen, bei dem ebenfalls katholischen Gewürzhändler meines Hauses ganz genau um die Art und Weise, dieses hl. Sakrament gültig zu erteilen. Als sie mich nun eines Tages ganz allein in der Wiege traf und dem Tode nahe glaubte, nahm sie ein Glas Wasser, tauchte ihren Finger in dasselbe, besprengte mich damit und taufte mich also nach kirchlicher Vorschrift.1

Nach der Taufe

Zur größten Überraschung der guten Morisi trat nach Empfang der hl. Taufe in meinem Zustande eine allmähliche Besserung ein, und nach und nach wurde ich ganz gesund. Die arme Anna geriet dadurch in die größte Verlegenheit und nach langer Überlegung beschloß sie, den Vorgang ganz zu verschweigen; denn sie fürchtete sonst aus dem Hause gejagt oder noch härter behandelt zu werden. So blieb ich in meiner Familie, wurde jüdisch erzogen, ohne auch nur zu ahnen, daß ich ein Christ war. – Wie ich oben bemerkte, wurde ich von meinen Eltern und besonders von meiner lieben Mutter2 recht eifrig und sorgfältig in der mosaischen Religion unterrichtet. Ich verrichtete mit ihnen immer mein Morgen- und Abendgebet und besuchte die Synagoge. Schon frühzeitig erlernte ich in der Schule die Elemente der hebräischen Sprache und las einmal öffentlich im Tempel die hl. Schrift, worauf man mir mehrere Geschenke machte. – Ich war jedoch nicht ganz jüdisch gesinnt und es machte sich die hl. Taufe bei mir hie und da geltend. Wenn ich mit der Morisi einen Spaziergang machte und wir zu einer Kirche kamen, nahm ich mein Hütlein ab; und als ich einmal mit meiner Mutter auf der Straße war und die Prozession des hl. Petronius vorüberzog, wollte ich sie durchaus anschauen; jedoch die Mutter sträubte sich dagegen, nahm mich bei der Hand und führte mich fort. Von Gott hatte ich noch einen sehr schwankenden Begriff, sah ihn aber in meinem Innern mit großer Ehrfurcht an. Übrigens hörte ich in meiner Familie nie Äußerungen über die Christen.

So vergingen nun beinahe sieben Jahre, als Gott sich meiner erbarmte, meine Taufe kundtat und mich zu einem sichtbaren Gliede der heiligen Kirche machte. Es war im Jahre 1858, als mein Brüderlein Aristides schwer krank, ja rettungslos, in der Wiege lag. Als die Morisi einer Freundin begegnete, erzählte sie dieser, daß der kleine Aristides bald sterben werde. Die Freundin entgegnete: „Wenn es so ist, so mußt du ihn taufen.“ „Nein, das tue ich nie mehr“, sprach die Morisi, „ich habe vor 7 Jahren sein Brüderchen Edgar getauft und der Knabe wächst jetzt unter den Juden auf.“ „Ja so“, sprach die Freundin, „Anna, das mußt du doch deinem Beichtvater sagen.“

Dies geschah; der Beichtvater, mit Genehmigung derselben, teilte den Vorfall dem Erzbischof von Bologna, Cardinal Viale Prelà mit; dieser schrieb darüber an Papst Pius IX. Der heilige Vater beauftragte nun den Erzbischof, die Magd Anna Morisi vorzuladen und einem strengen Verhör über die von ihr vollzogene Taufe zu unterziehen. Ihre Aussagen mußte die Magd mit einem Eide bekräftigen. Sollte sich herausstellen, daß die Taufe ungültig war, so schweige man über die Sache; sei aber dieselbe gültig gespendet worden, so fordere der Papst, daß man nach den Vorschriften des Kirchenrates den kleinen Edgar in der katholischen Religion in Rom selbst erziehen lasse. Die Taufe war gültig; darum beauftragte der Erzbischof den hochw. P. Felletti aus dem Predigerorden, damaligen Präsidenten des Tribunals der hl. Inquisition zu Bologna, den päpstlichen Befehl zu vollziehen. Am 24. Juni 1858 betrat ich mit einem Begleiter die Reise nach Rom. Während der Reise fingen zwei gute Damen, welche in unserem Wagen saßen und sich um das Geschehene erkundigten, bald an, über die katholische Religion zu reden und lehrten mich einige Gebete, wie das Ave Maria und das Vater unser. Da erwachte in mir das christliche Bewußtsein; ich weinte nicht mehr und wünschte nicht mehr nach Hause zurückzukehren. Am 29. Juni 1858 vormittags erreichten wir die ewige Stadt.

In Rom und Alatri

Mein Begleiter hatte den Auftrag, mich dort dem Rektor des Institutes der Katechumenen oder Neophyten, Herrn Heinrich Sarra, zu übergeben. Dieser brachte mich aber nicht im Institute unter, sondern nahm mich in sein Haus auf, und stellte mich bald dem Papste Pius IX. vor. Der hl. Vater umarmte mich auf das zärtlichste und sprach zu mir: „Von nun an werde ich dein Vater sein.“ Der Herr Rektor Sarra hatte mich eine Kurze Ansprache an den Papst gelehrt über die Worte des hl. Paulus: „Durch die Gnade Gottes bin ich was ich bin.“ Der hl. Vater hörte mit größter Freude zu, umarmte mich wieder und schenkte mir ein schönes Bildsäulchen der hl. Agnes, bei deren Basilika (außer den Stadtmauern) ich 8 Jahre später – beim Eintritt in den Orden des hl. Augustin – mein Noviziat durchmachen sollte. Dieses Andenken des hl. Vaters bewahre ich noch immer als eine kostbare Reliquie.

Einige Tage nach meiner Ankunft in Rom kamen auch meine Eltern dahin und verblieben zwei Monate dort. Sie besuchten mich täglich und zwar in Begleitung des Rabbiners der Synagoge. Dieser Mann gefiel mir gar nicht und ich weigerte mich ihn zu umarmen, nachdem ich meine Eltern geküßt hatte. Der Rektor war bei diesen Zusammenkünften immer gegenwärtig. Vater und Mutter redeten mir eindringlich zu, mit ihnen nach Hause zurückzukehren; allein die Wirkung der Gnade war bei mir augenscheinlich: auf alles Zureden gab ich immer die gleiche Antwort: „Wenn Ihr auch Christen werdet, will ich recht gerne heimkehren.“ Auf das Wort der Mutter, „Du sollst als Jude sterben“, erwiderte ich in meinem Herzen. „Ich bin ein Christ, und als Christ will ich sterben.“ Als man mir sagte: „Du sollst Vater und Mutter ehren“, sagte ich, ja, aber Gott noch mehr! Einmal begann meine Mutter, durch meine Antworten ergriffen, zu weinen; da wurde mein Vater unwillig; er stand auf, nahm die Mutter beim Arm und so verließen sie mich.

Der Rektor Sarra machte mit mir dann einen Ausflug nach Alatri, wo er einen geistlichen Bruder, namens Vincenz, hatte. Wir hielten uns dort zwei Monate auf. Als ich eines Tages dem Don Vincenzo bei der hl. Messe diente (das hatte ich bereits gelernt) und nach derselben in die Sacristei zurückgekehrt war, erschien auf einmal mein Vater in der Tür. Ich erschrak, lief zu dem Priester und ersuchte ihn, mich zu schützen. Don Vincenzo richtete dann einige sehr ernste Worte an den Vater, der sich hierauf mit meiner Mutter, welche hinter ihm stand, zurückzog und nicht mehr erschien. Auf das hin nahm mich der Bischof von Alatri, Msgr. Rodilossi, in seinem Palast auf , bis er erfuhr, daß meine Eltern abgereist seien. – Nach meiner Rückkehr in die ewige Stadt wurde ich im Hause des Rektors im Katechismus sehr fleißig unterrichtet.

Nun aber wünschte der Papst, daß ich in ein Collegium eintrete, um dort erzogen zu werden. Ich ging alle Sonntage in die Kirche von San Pietro in Vincoli, welche den regulierten Augustiner-Chorherren gehört, um die hl. Messe zu hören und sah dort, wie die weißgekleideten Zöglinge3 dem Amte beiwohnten. Diese Kleidung gefiel mir sehr, und als Pius IX. dies erfuhr, beschloß er, mich diesen Chorherren anzuvertrauen (im Dec. 1858). Der damalige Abt Augustin Barduagni (gest. 1885) nahm mich auf das herzlichste auf. Präfect der Zöglinge war damals der Chorherr Tatulli. Im Collegium verblieb ich sechs Jahre (1858-1864); Papst Pius IX. bezahlte die Pension und war somit nicht nur mein Gönner, sondern auch mein Pflegevater – bis zu seinem Tode.

Im Collegium studierte ich nun drei Jahre die Grammatik, wobei ich nicht immer fleißig war, wofür ich dann auch öfter gebüßt wurde. Bei meiner angeborenen Lebhaftigkeit empörte ich mich einmal öffentlich gegen den Lehrer; dafür mußte ich bei Tisch knien und mich mit Wasser und Brot begnügen. Übrigens wachten meine Vorgesetzten recht sorgfältig über mich und flößten mir frühzeitig die besten Gesinnungen ein. Eine besondere Liebe hegte ich zur hl. Gottesmutter und zum hl. Joseph; auch betete ich täglich um die Bekehrung meiner Eltern und Geschwister. An die ersteren schrieb ich oft, erhielt aber nie eine Antwort; erst später erfuhr ich den Grund hiervon: Die Eltern glaubten, von mir sei nur der Name richtig, alles Übrige mir aber von den Vorgesetzten in die Feder diktiert. Eine Anwandlung zur Rückkehr zu den Meinigen verspürte ich nie, wohl aber eine fortwährende Furcht, man möchte mich auf Spaziergängen oder selbst in der Kirche entführen. Und wirklich wurde einmal in unserer Kirche, während ich dem hochwürdigsten Abte ministrierte, von Engländern ein solcher Versuch gemacht; sie mußten aber ihre Frechheit büßen; denn beim Heraustritt aus der Kirche wurden sie von Gendarmen eingeladen, ihnen zu folgen und erhielten einige Rasttage im Gefängnis.

Bald nach meiner Ankunft in der ewigen Stadt ging der Sturm gegen den Papst und die katholische Kirche – wegen „des Kindes Mortara“ – los. Diplomaten und Potentaten schickten Proteste nach Rom und eine Legion von Zeitungsschreibern aller Länder schmähten den Papst auf die gemeinste Weise. Napoleon III. war gegen Pius IX. sehr aufgebracht, und als die „Mortara-Geschichte“ als Drama erschien, worin der Papst verhöhnt wurde, wohnte die Kaiserin Eugenie der Aufführung dieses Schandstückes bei. Mein Vater reiste nach England und brachte, wie ich weiß, viel Geld mit nach Hause. Von dorther sandte dann Lord Palmerston ein langes Memorandum über diese Angelegenheit an den Staats-Sekretär nach Rom. Unter den Verteidigern der Handlungsweise des Papstes taten sich in Frankreich besonders zwei Männer hervor, Dom Guéranger, der gelehrte Abt von Solesmes, und der mutige Louis Veuillot, Redakteur des „Univers“. In Spanien nahm sich die katholische Zeitung „La Esperanza“ des Papstes tapfer an. Der hl. Vater sah dem Sturme ruhig zu, wie es einst der göttliche Heiland getan.

Im Collegium S. Pietro in Vincoli

Hier studierte ich nun die weiteren Kurse des Gymnasiums mit Einschluß der Rhetorik, welche mir besonders zusagte und meinen Lerneifer immermehr steigerte. Der hl. Vater, welcher, wie ich schon sagte, für mich alles bezahlte, kümmerte sich fortwährend um seinen „piccolo Mortara“; nannte sich und war tatsächlich mein Pflegevater. Er gab mir oft Zeichen seiner väterlichen Liebe, schickte mir öfter Geschenke, und wenn ich dann zu ihm kam, um ihm zu danken oder zu gratulieren, da sprach er mir mit der größten Freundlichkeit und liebenswürdigsten Güte zu: „Vieles habe ich deinetwegen gelitten, mein Sohn; Große und Kleine haben mich deinetwegen verfolgt und beängstiget, und von mir gefordert, dich, zum Unheil deiner Seele, deiner Familie zurückzugeben. Ich tat es aber nicht, weil deine Seele mit dem Blute des göttlichen Erlösers erkauft ist.“

Am 12. April 1855 war Pius IX. mit seinem Gefolge und einer großen Anzahl von hohen kirchlichen Würdenträgern in S. Agnese fuori le mura einer augenscheinlichen Todesgefahr entronnen. Es war nämlich der Fußboden des Salons im Nebengebäude, worin sich der Papst und die ganze Gesellschaft befand, plötzlich gebrochen und in die unteren Räume gestürzt, ohne daß jemand einen erheblichen Schaden erlitt. Um der hl. Agnes für diese wunderbare Rettung zu danken, begab sich Pius IX. jährlich (bis einschließlich 1870) am 12. April nach St. Agnese. Da die genannte Kirche unserm Orden gehört, begab sich natürlich auch der Ordens-General mit mehreren Chorherren und dem „piccolo Mortara“ dahin. Nachdem der Papst seine Andacht verrichtet hatte, mußte ich jedesmal vor ihm ein (in den letzten Jahren von mir selbst komponiertes) Gedicht deklamieren. Dem hl. Vater traten bei dieser poetischen Huldigung öfter Tränen in die Augen. Einmal schenkte er mir eine goldene Medaille mit dem Bilde der lieben Mutter Gottes. Ein anderesmal sagte er ganz begeistert: „Vor einigen Jahren hat man mir diesen Jüngling, den Ihr da sehet, entreißen wollen. Ich wehrte mich aber mit aller Kraft dagegen, und erkläre, daß ich, falls es notwendig wäre, jetzt das wieder tun würde, was ich früher getan habe.“ Wenn der Papst bei seiner Spazierfahrt außerhalb der Stadt den Wagen verließ und einige Zeit zu Fuß ging und zuweilen der weißgekleideten Zöglinge oder Kleriker von St. Peter ansichtig wurde, blieb er manchmal stehen und segnete mich auf das väterlichste, indem er mir, während ich vor ihm kniete, beide Hände auf den Kopf drückte. Hie und da machte er auch Scherze, warf seinen roten Mantel um mich und fragte dann die Anwesenden: „Wo ist das Kind?“

Bald nach meinem Eintritte ins Collegium trug Se. Eminenz Cardinal Mastai-Ferretti, Ein Verwandter Pius IX., in der Hauskapelle des Hrn. Luigi Piacentini, die bei meiner Taufe fehlenden Zeremonien nach und erteilte mir dann das hl. Sakrament der Firmung, wobei derselbe Hr. Piacentini als Pate fungierte.

Am 27. Juni 1862 empfing ich zum ersten Male die hl. Kommunion und zwar aus den Händen Sr. Exzellenz des Hrn. Erzbischofs von Dublin Paul Cullen (gest. als Cardinal am 24. Okt. 1878); dazu hatte mich der Redemptorist P. Leopold, mein Beichtvater, vorbereitet. – Während meines Aufenthaltes im Collegium kamen viele und mitunter vornehme Besucher, besonders Franzosen, natürlich aus Neugierde. Einerseits fielen sie mir lästig, weil ich immer noch Angst hatte, zu meinen Eltern zurückgebracht zu werden; andererseits freuten mich die vielen Bilder und Geschenke, welche ich bei diesen Besuchen erhielt.

Am 6. Okt. 1864 trat ich als Postulant in den Orden der regulierten lateranensischen Chorherren des hl. Augustin zu S. Pietro in Vincoli ein und blieb zwei Jahre unter der Leitung des hochw. Hrn. Kanonicus Reg. Don Luigi Santini, welcher damals Magister der Kleriker war (gegenwärtig ist er Ordens-General). Er nahm mich auf das liebevollste auf, und wurde von dort an mein innigstgeliebter Lehrer, Gönner und Vater, den ich kindlich verehrte und liebte. Als ich im Collegium war, besuchte mich der obenerwähnte P. Felletti, der nach Rom gekommen war, nachdem er in Bologna nach dem Eintritt der subalpinischen Regierung von dieser prozessiert und auf einige Zeit eingekerkert worden war, einzig aus dem Grunde weil er im Jahre 1858 „in der Angelegenheit Mortara’s“ dem Befehle seines damaligen Königs Pius IX. gehorcht hatte. Dieser gute Dominikaner hegte zu mir immer die väterlichste Liebe.

Im Noviziat in St. Agnese; im Professorium wieder in Rom (1866-1870)

Der hochwürdigste General Strozzi teilte dem hl. Vater meinen Entschluß, ins Noviziat einzutreten, mit. Der Papst billigte dieses Vorhaben und gab dazu seinen Segen; zugleich erlaubte er, daß ich mich von nun an Pius Maria nennen dürfe. Am 7. Okt. 1866 erhielt ich in der Basilika von St. Agnese das hl. Ordenskleid. Der hochwürdigste Ordens-General Strozzi (gest. 1867) vollzog die Zeremonie und sprach dann einige Worte, welche ich nie vergessen werde, und die das Programm meines künftigen Lebens bilden sollten.

Im Monat Mai 1867 erhielt ich endlich nach acht Jahren beständigen Stillschweigens den ersten Brief von meinen geliebten Eltern; sie schrieben mir dann öfters, weil sie glaubten, ich könnte nun selbst und ohne Vermittlung mit ihnen korrespondieren; ja der Vater billigte sogar meinen Eintrittt in den hl. Orden. Ich tat das Mögliche, um den geliebten Eltern meine kindliche Zuneigung kundzutun.

Meine Profeß, d. h. die Ablegung der einfachen Gelübde, welche am 7. Okt. 1867 hätte stattfinden sollen, mußte verschoben werden, weil eben die Garibaldiner in das römische Gebiet eingefallen waren; ich mußte deshalb mit den übrigen Novizen von St. Agnese, das eine Stunde außerhalb Roms an der via Nomentana liegt, nach S. Pietro in Vincoli flüchten. Am 17. Nov. konnte ich diese Gelübde ablegen, und zwar in die Hände des hochwürdigsten Herrn Albert Passeri, Nachfolger des sel. General-Abtes Strozzi. Hierauf trat ich ins Professorium, um mich unter der Leitung des Herrn Kanonicus Santini im religiösen Leben und in den Studien weiter auszubilden.

Bald nach meiner Profeß wurde ich dem heiligen Vater vorgestellt; er ermunterte mich, den Weg des religiösen Lebens ernstlich zu betreten, und sprach: „Du mußt nun unserm Herrn Jesus Christus nachfolgen und nach Vollkommenheit streben. Die Klöster gleichen, wie der hl. Franz von Sales sagt, einem Spitale, in dem sich Kranke, Rekonvaleszenten und Gesunde befinden. Welcher Klasse willst nun du angehören?“ Der Papst nahm mich übrigens in dieser Beziehung einmal selbst in die Lehre. Am 11. März 1868, dem Vorabend des Festes Gregor des Großen, befanden wir uns Professen eben in der diesem Heiligen geweihten Basilika, als der Papst mit seinem Gefolge daher kam. Am Kirchentore warf ich mich nieder und wollte mit kindlicher Übereilung dem hl. Vater den Fuß küssen. Da stieß ich aber mit meiner Stirn so gewaltig an das Knie Pius IX., daß ich mir ziemlich wehe tat; der Papst hinwieder hätte wohl das Gleichgewicht verloren, wenn ihm nicht ein in nächster Nähe stehender Prälat zur Hilfe gekommen wäre. Ganz beschämt und unter den Vorwürfen meiner Mitbrüder folgte ich dem Papst, der, ohne etwas zu sagen, weiter ging. Als er aber das Triclinium betreten hatte, rief er mich zu sich und sprach: „Weißt du, was du heute getan hast? Du warst nahe daran den Papst zu töten. Und was würde man gedacht und gesagt haben, wenn das „Kind Mortara“ Pius IX. ums Leben gebracht hätte? Nun aber mußt du dich auch einer Buße unterziehen: „Küsse den Boden!“ Das tat ich auch sofort. „Nicht genug“, fügte der Papst bei: „Mache mit deiner Zunge ein Kreuz auf dem Boden!“ Ich gehorchte ganz bestürzt. Hierauf sagte Pius: „Seht, wie gehorsam er ist. So machen es alle echten Ordensleute. Nun gehe hin, sei ein anderes Mal klüger, und Gott segne dich!“

Diese Ermahnung Pius IX. sollte mich rüsten für den herannahenden Sturm. Am 20. Sept. 1870 wurde Rom von den Italienern mit Gewalt erstürmt und der Papst ein Gefangener im Vatikan. Der erste Kanonenschuß weckte uns schon um 5 Uhr früh. Natürlich sollte auch ich ein Opfer der italienischen Revolution werden. Der Konvertit Koen wurde mit Gewalt seiner Familie zurückgegeben. Das Gesindel schrie aber auch: „Nach S. Pietro in Vincoli, und das „Kind Mortara“ heraus!“ Dies war aber umsonst; denn die göttliche Vorsehung ließ es nicht zu.

Ende September meldete sich mein Vater in unserem Kloster. Ich freute mich sehr, war aber doch nicht ohne Bedenken. Die Unterredung geschah in Gegenwart Santinis und war sehr freundlich; von meiner Rückkehr in meine Familie war keine Rede. Der Vater verabschiedete sich bald, und die liberalen Zeitungen wußten zu melden, daß er mich durch die italienische Behörden reklamieren lassen wolle. Am 18. Okt. erhielt ich den Besuch des Herrn Verti, Präfekten der Quästur. Dieser Herr sagte mir ausdrücklich, ich solle doch meine Familie besuchen. Als ich mich entschieden weigerte, dies zu tun, erklärte er mir, daß dies zu meinem Nutzen und zum Wohle meiner Kommunität wäre. Er fügte bei, ich solle und müsse meinen Eltern diese Genugtuung verschaffen; mein Vater sei weinend und um Hilfe flehend zu ihm gekommen. Ich wiederholte meine Weigerung und sagte ihm, daß ich mich meinen Eltern gegenüber immer ordentlich benommen habe, aber nie in die jüdische Familie zurückkehren werde. – Da die Gefahr, von Seite der Regierung Gewalt zu erleiden, nicht mehr ferne war, führte man mich zum General Lamarmora, dem damaligen sog. Statthalter des Königs Victor Emmanuel in Rom. Der General nahm mich gütig auf und sagte, es stände mir ganz frei, zu meiner Familie zurückzukehren oder nicht; man hätte kein Recht mich dazu zu zwingen, und im Notfall würde er mich schützen. Meine Vorgesetzten waren aber nicht ruhig und dachten daran, mich ins Ausland zu schicken.4 Die Vorsehung hatte den Weg dahin schon geebnet.

Der hochw. Herr Dr. Joh. Chrysostomus Mitterrutzner, regulierter Augustiner-Chorherr des Stiftes Neustift bei Brixen in Tirol, war schon in früheren Jahren wiederholt und auf längere Zeit in Rom gewesen und als Ordens-Mitbruder in unserm Kloster als lieber Gast ein- und ausgegangen. So geschah es auch im Jahre 1870 während des vaticanischen Konzils, bei dem er mit Genehmigung des Papstes als Geheimschreiber des Generalsekretärs des Konzils, Msgr. Dr. Jos. Feßler, tätig war. Da lernte ich diesen geliebten Mitbruder kennen. So lag nun den Vorgesetzten der Gedanke nahe, mich nach Brixen zu schicken, wo Hr. Mitterrutzner damals Professor am Gymnasium war.5

In Brixen

Am 22. Okt. 1870, um 10 Uhr nachts, begab ich mich mit meinem Reisegefährten Dr. Giuseppe Mariani, Bibliothekar unseres Klosters, einem gewandten und mutigen Herrn, durch den Klostergarten zum Bahnhofe. Wir trugen beide weltliche Kleider und reisten unbehelligt ab.6 Im Bahnhofe zu Foligno sprachen zwei Individuen, die dem Aussehen nach Garibaldiner waren, über die Flucht des jungen Mortara aus Rom. Ich zitterte am ganzen Leibe, aber Mariani gesellte sich zu ihnen und lenkte ihr Gespräch mit großer Gewandtheit auf etwas Anderes. – Als wir nach Ala (österr. Grenze) kamen, dankte ich der lieben Vorsehung aus ganzem Herzen für meine Rettung. Am 24. Okt. Mittags erreichten wir Brixen und begaben uns geradewegs in die Wohnung des Herrn Mitterrutzner, der uns, obwohl er von Rom aus noch keine Weisung erhalten hatte, mit wahrer Herzensfreude empfing, aber auch schon in der ersten Stunde meines Dortseins Sorge trug, daß mein wahrer Name hier nie genannt7 und daß ich gar nicht in Tirol vermutet werde. Und dieses „Incognito“ wurde durch 21 Monate treulich gewahrt. An demselben Tage noch fuhr Herr Mitterrutzner mit uns in das nicht weit entfernte Stift Neustift, wo mich der hochwürdigste Herr Prälat Dominicus Irschara auf das liebevollste aufnahm. Am folgenden Tage langte von Rom ein Schreiben des hochwürdigsten Herrn General- Abtes Passeri in Brixen an; darin bat er, dem Ankömmling auf einige Zeit eine Zufluchtsstätte zu gewähren. Da mein Name und meine bisherigen Schicksale schon seit Monaten durch Dr. Mitterrutzner in Neustift bekannt waren, so zeigten sich alle Chorherren über meine Rettung erfreut. Herr Mariani kehrte zwei Tage später nach Rom zurück, um bald darauf drei andere Kleriker Seines Ordens (Pisani, Menchini, Rovai) in das Chorherrenstift St. Florian in O.-Österreich zu führen.

Ich blieb nur acht Tage in Neustift, wo ich die deutsche Sprache zu lernen begann. Hierauf kam ich nach Brixen und wohnte dort als Gast bei den Neustiftischen Mitbrüdern, von denen einer Direktor, und elf Professoren am k. k. Gymnasium waren, wozu noch einige Kleriker kamen, welche dort die Theologie studierten. Da ich die Philosophie schon studiert hatte, besuchte ich, zuerst nur als Auditor, dann im Schuljahre 1871/72 nachdem ich im Stande war, die deutschen Vorträge zu verstehen, als ordentlicher Schüler die theologischen Vorlesungen unter der Leitung des Herren Professoren Bole (Dogmatik) und Babl (Exeges und Hebräisch). Mit besonderer Vorliebe betrieb ich das Studium der hebräischen Sprache. Zu Hause lernte ich dann vom Herrn Dr. Mitterrutzner zuerst deutsch, dann englisch, die Gabelsberger’sche Stenographie usw. Dieser gute Herr war für mich ein huldvoller Gönner und Vater, und ich gab ihm bei Gelegenheit in verschiedenen italienischen und lateinischen Gedichte Zeichen meiner kindlichen Dankbarkeit.

Bald nach meiner Flucht aus Rom polterten die liberalen Zeitungen gegen das „Kind Mortara“, das gegen seine Eltern und sein Vaterland so undankbar wäre; schimpften über meine Mitbrüder in Rom und über die – Jesuiten. Die guten Zeitungsschreiber vermuteten mich in Belgien. Sie erhielten daher von mir auch die geziemende Antwort in dem „Journal de Bruxelles“, während ich mich ganz ruhig in Brixen den Studien widmete. – Am 31. Dec. 1871 legte ich in der St. Nicolaus-Kapelle zu Neustift in Gegenwart zweier Zeugen meine feierliche Profeß ab, und zwar in die Hände des hochw. Herrn Prälaten Dominicus Irschara.

In Frankreich

Nach einem Aufenthalte von 21 Monaten in Brixen, resp. Neustift, hat mir die göttliche Vorsehung einen anderen Zufluchtsort durch meine Vorgesetzten anweisen lassen – zu Poitiers im westlichen Frankreich. Der berühmte Bischof von Poitiers, Msgr. Pie (gestorben als Cardinal am 17. Mai 1880) hatte, ermuntert vom hl. Vater Pius IX., bei einer Marien-Wallfahrtskirche (Notre-Dame de Beauchêne bei Cerizay) den Bau eines Klosters unternommen und zwar für die regulierten later. Chorherren, welche in Rom nicht sicher waren. Die Baukosten bestritt der Marquis de La Rochejaclin.

Msgr. Pie, dem ich auch ein Schreiben seines Freundes und Konzils-Genossen, Msgr. Vincenz Gasser, Fürstbischof von Brixen, überbrachte, nahm mich auf das liebevollste auf. Am 30. August 1872 hatte ich von Msgr. Pie die Ordines Minores und am folgenden Tage das Subdiakonat, am 17. Okt. 1873 das Diakonat erhalten. Als Msgr. Pie den hl. Vater in Rom besuchte, fragte ihn Se. Heiligkeit: „Wann wird Mortara Priester?“ „Heiliger Vater, sobald es Eure Heiligkeit wünschen; es bedarf aber einer Alters–Dispens“, entgegnete der Bischof. „Wir werden sie schon gewähren“, äußerte der Papst. Nachdem diese Dispens – von mehr als 20 Monaten – in Poitiers eingetroffen war, erteilte mir Msgr. Pie am 20. Dec. 1873 die hl. Priesterweihe.

Meine Primiz feierte ich dann in der Kirche der Karmeliterinnen St. Hilaire de la Celle zu Poitiers. Bald darauf erhielt ich durch den apostolischen Nuntius zu Paris, Msgr. Chigi, vom hl. Vater Pius IX. ein Breve, worin er mir zur Priesterwürde Glück wünschte, mich ermunterte, für die Ehre Gottes tüchtig zu arbeiten, und von mir verlangte, am Altare im Gebete seiner zu gedenken.

In Beauchêne bestand ich die Prüfung in der Theologie; Msgr. Pie führte dabei den Vorsitz; der ehrw. P. Schrader S. J., welchen Msgr. Pie als Rektor der neugegründeten theologischen Lehranstalt nach Poitiers berufen hatte, befand sich unter den Examinatoren. Bei dieser Prüfung disputierte der hochw. Bischof recht gerne mit mir, und munterte mich auf zum guten Argumentieren. Als Diaconus begann ich in französischer Sprache zu predigen, ich tat es sehr gerne, obwohl anfangs mit einiger Mühe.

Infolge meiner angestrengten Studien und der vielen Predigten8 befiel mich eine heftige Nervenkrankheit, infolge welcher ich auf Befehl des Arztes das Studieren und Predigen ganz aufgeben mußte; dafür sollte ich spazieren gehen oder körperlich arbeiten. Eine sehr nützliche Übung für mich war die Geduld und Ergebung am Fuße des Kreuzes unseres lieben Heilandes. – Nach zwei Jahren konnte ich wieder anfangen, etwas zu leisten und auch zu predigen. Statt der früheren Krankheit stellte sich nun eine andere ein, eine gewaltige Dispepsie (Unverdaulichkeit); kaltes Wasser und warme Bäder brachten mir einige Erleichterung.

Im Monat Mai desselben Jahres erhielt ich einen Brief von meiner lieben Mutter, und seit dem erlitt unser Briefwechsel keine Unterbrechung. Mein Vater war ja schon im Jahre 1872 gestorben. Mit größtem Schmerz erfüllte mich das Hinscheiden (7. Febr. 1878) meines größten Gönners und liebreichsten Vaters Pius IX. Jetzt war ich doppelt leidend, besonders als Waise; ich werde nie aufhören, diesen so herben Verlust zu beweinen. Der hochselige hl. Vater hat in seiner überaus großen Güte gegen mich sogar noch in seinem Testamente mir aus seiner Kasse für eine etwaige Notlage eine kleine Rente ausgesetzt. Der gute Msgr. Pie, dem mich Pius IX. öfters anempfohlen hatte, vertrat auch immer dessen Stelle und nannte mich darum auch seinen Sohn.

Im Frühjahr 1878 gedachten meine Obern mich nach Mattaincourt zu versetzen, wo ich dann am Hauptfeste des sel. Petrus Forerius (7. Juli) die Lobrede hielt und auch sonst, trotz meiner Kränklichkeit sehr oft predigte. In eben diesem Jahre begab ich mich nach Poitiers, um das Doktorat der Theologie zu erlangen. Msgr. Pie war wieder unter den Opponenten. Der edle, gelehrte P. Schrader S. J., war nicht mehr am Leben.

Das Jahr 1880 wurde für mich eines der traurigsten in meinem Leben. Im Februar starb mein geliebter Prior und Lehrer Mariani und am 18. Mai ganz plötzlich Se. Eminenz Cardinal Pie,9 Bischof von Poitiers. Also neuerdings verwaist! Diese furchtbaren Schläge und das viele Predigen zerrütteten wieder meine Nerven; die Dispepsie dauerte fort, und so wurde ich ernstlich krank. Mein Arzt verordnete mir Seebäder, zu deren Gebrauch ich mich nun nach Marseille begab. Dort fand ich zu meiner größten Freude die vortreffliche Familie Marcorelles, welche ich schon in Rom kennen gelernt hatte; diese so edle Familie wurde für mich in meiner so peinlichen Lage das Werkzeug der göttlichen Vorsehung.

Die Kur gebrauchte ich vom 20. Juli 1880 bis zum 28. Okt. Am folgenden Tage (29. Okt.) befiel mich eine schreckliche Krisis: Ich lag unter heftigen und beständigen Schmerzen im Bette. Am 1. Nov. erhielt ich die erschütternde Nachricht, daß unsere zwei Klöster zu Beauchêne und Mattaincourt von der Regierung aufgehoben und alle meine Mitbrüder daraus vertrieben worden seien; nicht genug; Alle, die nicht geborene Franzosen waren, sollten – innerhalb 24 Stunden – das Land verlassen! Ich brauche meine trostlose Lage wohl nicht zu schildern: schwer krank an Leib und Gemüt, in der Fremde, meine Heimat Italien mir als Militär-Flüchtling verschlossen, und dann mit einem den Kirchenfeinden so verhaßten Namen! Jedoch die liebe Vorsehung sorgte für ihr unwürdiges Schutzkind. Wie ein Engel vom Himmel erschien die edle Madame Marcorelles und lud mich freundlichst ein, in ihr eigenes Haus zu übersiedeln. Um mich, den Verbannten, vor den etwaigen Nachforschungen der Behörden zu schützen und dort zu pflegen. Ich nahm die Einladung dankbar an und verblieb dann incognito10 in dieser Wohnung durch 6 Monate verborgen. Mit Genehmigung des Bischofs von Marseille richtete sie eine Hauskapelle ein, damit ich dort, sobald ich es vermöchte, die hl. Messe lesen könnte. Einstweilen nahm aber meine Krankheit immer mehr zu; es stellte sich eine gewaltige Aufregung, heftiges Erbrechen und Delirium ein; meine Nahrung bestand lange Zeit täglich nur in einem halben Glas Milch, und selbst diese konnte ich nicht recht verdauen. Die edle Familie pflegte mich, als wäre ich ihr eigenes Kind. Ein besonderes Glück für mich war es, daß ein Sohn des Hauses selbst ein gesuchter Arzt war und mich mit einem vertrauten Kollegen behandeln konnte. Die edle Madame begnügte sich nicht mit der häuslichen Pflege, sondern bestellte dazu zwei Krankenschwestern „von der guten Hilfe (de bon Secours)“, die mir wie zwei Engel beistanden.

Am 2. Febr.1881 erschien der hochw. General-Visitator des Ordens, Albin Pardini, dessen Besuch mich sehr erfreute, der hochw. Bischof von Marseille hatte die große Gnade, mich zu besuchen und gnädigst zu gestatten, daß in meinem Krankenzimmer ein Altar aufgestellt werde, so daß der hochwürdigste Hr. Pardini dort die hl. Messen lesen und mir von Zeit zu Zeit die hl. Kommunion spenden konnte.

Zeitweilig waren meine Nerven so aufgeregt, daß ich weder den geringsten Lärm, noch das Licht vertragen konnte, weshalb man mir das Zimmer verfinsterte. Manchmal verbesserte sich mein Zustand insoweit, daß ich Besuche annehmen konnte. Als ich hörte, daß der berühmte und heiligmäßige Don Bosco, Stifter der Salesianer, nach Marseille gekommen sei, hatte ich eine große Sehnsucht, ihn zu sehen. Am 5. Febr. erfüllte er meinen Wunsch. Ich freute mich darüber sehr und bat ihn, sobald wir allein waren, mir von Gott die Gesundheit zu erbeten. Don Bosco entgegnete, ich sollte mich in den Willen Gottes ergeben, und wenn es der Fall wäre, mich auf den Tod vorbereiten. Da sagte ich: „Ich bedaure nur, meine liebe Mutter noch nicht bekehrt zu haben.“ „Ihre Mutter würden Sie leichter vom Himmel aus bekehren,“ sprach er, gab mir den Segen und nahm Abschied. Nun steigerte sich die Krankheit wieder, Delirium und andere Übelstände traten häufiger und stärker auf und man erwartete nachgerade meinen Tod.

Von Kindheit auf verehrte ich den hl. Joseph ganz besonders; auf ihn setzte ich nun mein ganzes Vertrauen. Madame Marcorelles wußte das und ließ darum von dem hochw. Herrn Kanonicus Pardini zu Ehren des hl. Joseph neun hl. Messen lesen. Ich selbst betete, so gut ich’s vermochte, und auch andere schenkten mir das Almosen ihres Gebetes in Frankreich und anderwärts. Und siehe da! Am 17.März bat ich um etwas mehr Milch und am 18. konnte ich, nachdem ich 58 Tage im Bette gelegen, zum ersten Male dieses auf kurze Zeit verlassen. Die Rekonvaleszenz ging langsam vor sich; es gab noch viele Schwankungen und erst am 21.April (Ostersonntag) war ich im Stande, aber nicht ohne Mühe, die hl. Messe zu lesen. Es war keine wunderbare Heilung, aber die Hilfe es hl. Joseph doch offenbar. Nun schickten mich meine Vorgesetzten auf einige Zeit nach Cannes im Departement der Seealpen.

Wieder in Tirol. In Spanien

Aus Cannes schrieb ich an meinen geliebten Mitbruder Dr. Mitterrutzner, daß mir die Ärzte eine Luftveränderung empfehlen. Jedoch wohin soll ich denn gehen? „Aus Frankreich bin ich ausgewiesen; Italien darf ich nicht betreten, weil ich mich der Militärstellung entzogen habe.“ Die Antwort lautete, wie es nicht anders zu erwarten war: „Kommen Sie zu uns; in Tirol ist reine und gesunde Luft; Sie werden hier mit offenen Armen aufgenommen werden.“ Meine Obern gaben hierzu die Erlaubnis und um die Mitte Juli’s sah ich mein geliebtes Asyl, Neustift, wieder. In kurzer Zeit erholte ich mich zusehends und es erwachte in mir der Wunsch, auch einige andere Chorherrenstifte in Österreich zu sehen. Herr Direktor Mitterrutzner erbot sich, da eben die Ferien begonnen hatten, mich zu begleiten. Wir machten nun die Rundreise von Franzensfeste aus durch Pustertal, Kärnten, Steiermark, Nieder- und Ober-Österreich, Salzburg, Innsbruck, Franzensfeste und verwendeten hierzu nahezu vier Wochen. Ein mehrtägiger Aufenthalt wurde nur in Graz, Wien, im Stifte St. Florian und Innsbruck genommen.

Graz hatte für uns eine besondere Anziehungskraft. Es lebte nämlich dort einer der edelsten Männer unserer Zeit, Herr Direktor Sales Prugger11, regulierter Chorherr des Stiftes Vorau, ein vieljähriger Freund Mitterrutzners. Hw. Herr Sales wurde von unserer baldigen Ankunft im voraus verständigt und er beeilte sich, diese Nachricht dem hw. Fürstbischof Dr. Johann Zwerger mitzuteilen. Der hw. Herr forderte nun, das die zwei Reisenden in seiner Residenz wohnen müßten, auch dann, wenn er selbst wegen einer schon festgesetzten Visitationsreise nicht zu Hause sein sollte; sein Kanzler Msgr. Missiger (seit 1884 Fürstbischof von Laibach), der ja auch in der Burg wohne, werde schon den Hauswirt machen. Und so geschah es auch. In Graz verlebten wir vier köstliche Tage. Hr. Direktor Prugger kam oft zu uns und wir zu ihm. Bei diesem lernte ich mehrere vortreffliche Männer kennen: den großen Historiker Weiß12 , die Domherren Fuchs und Worm, die Gebrüder Karlon, den Nachfolger Pruggers, Direktor Alois Zehringer u. A.

Auf der Weiterreise begrüßten wir in St. Pölten den ausgezeichneten Msgr. Anton Erdinger, Direktor des Priester-Seminars und Biographen des großen Konzil–Sekretärs Msgr. Feßler. Auf ein von hieraus nach St. Florian gesandtes Kärtlein schickte uns der hochw. Herr Prälat Ferdinand Moser seinen Wagen bis zur Station Enns entgegen. Unsere Aufnahme in diesem großartigem und mustergültigem Stifte konnte nicht herzlicher sein. In Innsbruck wohnten wir bei einem ehemaligem Mitschüler und Jugendfreunde meines Begleiters, namens Othmar Purtscher, einem höchst liebenswürdigen, welterfahrenen und besonders sprachenkundigen Herrn. Unser Aufenthalt bei dieser wahrhaft edlen Familie dauerte drei Tage.

Nach meiner Rückkehr von dieser Reise blieb ich wieder im Stifte oder machte kleinere Ausflüge in Pfarreien, welche von Neustifter Chorherren pastoriert werden. Meine Gesundheit hatte sich wohl gebessert, war aber noch lange nicht ganz hergestellt.

Gegen die Mitte des November erhielt ich von meinen Obern den Befehl, mich nach S. Fernando (Provinz von Cadiz in Andalusien, Spanien) zu begeben, wo die liebe Vorsehung uns Flüchtlingen aus Frankreich eine Zufluchtsstätte bereitet hatte. Dort lernte ich die spanische Sprache und begann auch bald in derselben zu predigen. Nach einem Jahre bezogen wir in Chiclana (auch im Süden Spaniens) ein altes Augustiner-Kloster, errichteten eine Lehranstalt und nahmen einige Novizen auf. Aber auch der Platz war für eine Niederlassung nicht geeignet; deshalb trug mir Prior Barsotti auf, Spanien zu durchreisen und einen günstigeren Ansiedlungsort zu suchen. Nach fünfmonatlicher Wanderung, auf der ich nebst beständiger Kränklichkeit viele Verdrießlichkeiten auszustehen hatte, gelang es mir im Nordosten von Spanien. Der hw. Bischof von Vitoria bot uns ein Knaben-Seminar (Seminario menor) zu Onate, im Lande der Basken, Provinz Guipúzcoa, an. Wir zogen dahin, und begannen den Unterricht. Ich lehrte durch fünf Jahre die Philosophie und andere Fächer. Es meldeten sich wieder einige Novizen; das Seminar war nicht unser Eigentum, weshalb wir daran dachten, ein eigenes Haus und auch eine Kirche zu bauen; allein es fehlten die Mittel hierzu. Meine Vorgesetzten und alle Mitbrüder wünschten nun, daß ich zu deren Beschaffung eine Sammlung in Spanien und zwar zuerst in den vier baskischen Provinzen vornehmen sollte. Predigen und Sammeln lautete nun mein Programm für fünf volle Jahre! Um auch den frommen Basken in ihrer Muttersprache das Wort Gottes verkünden und ihre Beichten aufnehmen zu können, lernte ich ihre außerordentlich schwierige Sprache.

In vielen großen Städten, Gemeinden und Dörfern Spaniens predigte und sammelte ich, um dieses hl. Werk, das wir mit 25 Fr. begannen, zu vollbringen. Etwas sammelte ich auch in Frankreich. Bedeutende Beiträge schickte uns für „die Herz-Jesu-Kirche“ der liebe Herr Mitbruder Mitterrutzner in Brixen; er hatte sich dieselben aus Oberösterreich, von einer fürstlichen Familie in Württemberg und auch in Tirol zu diesem Zweck erbeten.

In Spanien nahm ich Alle, die Höchsten und die Niedrigsten in Anspruch; selbst die fromme Königin Maria Christina von Österreich, und die königliche Familie spendete nahezu 4000 Fr. In den Gasthäusern, Bädern, auf der Ebene und auf den Bergen bot ich alles auf, um etwas zu bekommen. Dabei war ich fortwährend sehr leidend, konnte oft kaum etwas Milch und Suppe genießen, so daß ich ein Gegenstand des allgemeinen Mitleides wurde; jedoch das göttliche Herz Jesu war meine Kraft und mein Trost. Es war dies alles für mich sehr gut, um die Demut und Geduld zu üben; mein Wahlspruch war immer der des hl. Job: Sit Nomen Domini benedictum! (Der Name des Herrn sei gebenedeit!), besonders, wenn ich schlecht behandelt und öffentlich, auch in den Zeitungen, beschimpft wurde, was öfter der Fall war.

Nun, das Haus ist gebaut und auch bezahlt; die dreischiffige „Herz-Jesu-Kirche“ – in gothisch–maurischem Stil – steht vollendet dar, sodaß am 5. Okt. 1891 ihr Hochaltar geweiht werden konnte. Die Kosten sind freilich noch lange nicht alle gedeckt, aber die Liebhaber des göttlichen Herzens Jesu werden auch dafür noch Rat wissen.

Nach Italien und wieder nach Tirol

Ich stand nun im vierzigsten Lebensjahre; einundzwanzig Jahre hatte ich in der Fremde, außer Italien, zugebracht. Hier besteht das Gesetz, daß Jünglinge, welche sich der Militärpflicht vor der Assentierung entziehen, bei ihrer Rückkehr nicht mehr in das Heer eingereicht werden, sobald sie das vierzigste Jahr erreicht haben. Da nun König Humbert auch noch eine diesbezügliche Amnestie erlassen hatte, durfte ich in mein Vaterland zurückkehren, nur hatte ich mich beim nächsten Militär-Kommando zu stellen. Ich tat dies in Florenz, wurde dabei höflich behandelt und frei- und losgesprochen. Von Florenz begab ich mich nach Rom, wo ich am 26. Mai 1891 anlangte und mich bis zum 1. Juli aufhielt.

Meine derzeit in Rom ansässige Mutter besuchte ich täglich; dabei fühlte ich aber in meinem Herzen beständig ein inniges Mitleid, da alle meine Bemühungen, sie zu bekehren, fruchtlos waren. Mehrmals redete ich ihr unter Tränen mit der kindlichsten Liebe zu; sie antwortete mir aber, sie sei zu alt, sie habe noch acht Kinder, und was würde man sagen, wenn sie zu einer anderen Religion übertreten würde. O göttliches Herz Jesu! Du vermagst alles; o ich bitte dich, schenke ihr, die mir das irdische Leben gegeben, das geistliche Leben, die Gnade der Bekehrung. Alle meine Hoffnung setze ich auf dich!

Meine Mutter ist sehr fromm – in ihrer Religion; sie betet viel und vertraut auf Gott und redet oft von Gott. Sie hat zu ihren Kindern eine zärtliche Liebe, besonders zu mir, für den sie so viel gelitten und geweint hat. Auch meine drei Schwestern sind sehr fromm und beten viel; meine fünf Brüder aber huldigen leider zu sehr dem herrschenden Zeitgeist.

Während meiner Anwesenheit in Rom predigte ich einmal in der Kirche der hl. Praxedes; meine Mutter war auch dazu erschienen; jedoch die Predigt drang nicht in ihre Seele. Ich führte die geliebte Mutter eines Tages in die St. Peterskirche, meldete ihr den Segen des Papstes usw.; alles war umsonst! Ich hatte dabei viel zu leiden, besonders deshalb, weil meine Brüder sich gegen alle meine Bestrebungen wehrten. Und dann der Anblick meiner zwölf Neffen! Die kleinen Wesen! Wie peinlich ist es für mich zu sehen, daß sie im Irrtum erzogen werden! Wie gerne würde ich alles, ja selbst mein Leben opfern, um nur Eines von den Meinigen, besonders meine geliebte Mutter, zu retten! Ich bitte alle meine frommen Leser, recht eifrig um ihre Bekehrung zu beten.

Im Monate Mai hatte ich in Madrid Audienz bei Ihrer Majestät der Königin von Spanien. Als Hochdieselbe hörte, daß ich nächstens nach Italien reisen und auch nach Rom kommen werde, gab sie mir einen geheimen, wichtigen Auftrag an Se. Heiligkeit Papst Leo XIII. Ich entledigte mich desselben gleich nach meiner Ankunft in Rom. Der hl. Vater nahm mich nach seiner Messe, der ich beiwohnte, recht huldvoll in sein geheimes Arbeitszimmer. Nachdem ich ihm kniend durch den Fußkuß gehuldigt hatte, trug ich ihm die Bitte der Königin vor; er hörte aufmerksam zu und versprach, dem Wunsche der frommen Regentin nach Möglichkeit zu entsprechen. Als ich den hl. Vater um den päpstlichen Segen für meine Mutter und meine Geschwister bat, erkundigte er sich gnädigst um ihre Verhältnisse und segnete die ganze Familie.

In Rom besuchte ich viele Heiligtümer und Kirchen, natürlich auch die Kirche S. Lorenzo extra muros, in welcher mein innigstgeliebter, hochseliger Pflegevater Pius IX. ruht Die katholische Welt hat ihm ein seiner würdiges, prachtvolles Denkmal gesetzt. Ich kniete an seinem Grabe, ganz versunken in kindliche Verehrung und Dankbarkeit. Ich betete zu ihm und nicht für ihn; denn sicher hat er schon seine herrliche Krone im Himmel empfangen. Hochseliger Pius! bitte für mich und meine Familie!

Ich war auch im Pantheon. Da ist ein anderes Grab, das des Königs Victor Emmanuel. Wie öde und düster sieht es da aus! Nicht einmal ein Kreuz – nur Kränze von Schießständen und liberalen Vereinen! Und dann oben die Inschrift: „Al Padre della Patria“ (dem Vater des Vaterlandes). Ich ging zum heiligsten Altarsakramente und betete ein Vaterunser, daß Gott sich des unglücklichen Königs erbarme. Ich besuchte in Rom auch die Anstalt der Katechumenen (der Neubekehrten), wo ich meine erste katholische Erziehung erhalten hatte. Dort fand ich zu meiner Freude noch einige von den alten Schwestern (Suore del Sacro Cuore), die mich vor 33 Jahren dort gepflegt haben.

Da ich von Rom bald wieder nach Spanien zurückkehren sollte, erbat ich mir vom hochw. Herrn Ordens-General Santini die Erlaubnis, die Reise über Modena, Verona, Mailand, Genua usw. zu machen. In Modena befinden sich meine Schwestern, die ich seit 33 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Diese und ihre Männer nahmen mich freundlichst auf, und weil ich mich dort einige Tage aufhielt, wünschten sie, mich einmal predigen zu hören. Da der hochw. Herr Erzbischof, Msgr. Carlo Borgognioni, den ich besuchte, damit ganz einverstanden war, bestieg ich die Kanzel und predigte „über die Wahrheit der katholischen Kirche.“ Es erschienen bei der Predigt nicht nur meine Verwandten, sondern zahlreich auch andere Juden. Man lobte dann meine Predigt, jedoch alle verharrten in ihrer Verstocktheit.

Der Herr Ordens-General hat mir mit größtem Vergnügen auch die Bitte gewährt, von Verona aus mein liebes Brixen und Neustift zu besuchen. Am 12. Juli 1891, um 9 Uhr abends, traf ich in Brixen ein; Herr Direktor Mitterrutzner erwartete mich am Bahnhof, freute sich sehr, mich nach 10 Jahren wieder zu sehen, äußerte aber darüber sein Bedauern, daß ich so kränklich und leidend aussehe. Und in der Tat war mein körperlicher Zustand elend genug; ich hatte, wohl infolge der fortwährenden Aufregung in Italien, Nerven- und Magenleiden. Der gute Herr Direktor hatte vor meiner Ankunft in Brixen den Plan gefaßt, mit mir eine Ferienreise zu unternehmen und dabei auch etwas für meine Herz-Jesu-Kirche zu sammeln. Ich konnte, weil so elend, natürlich nicht reisen, fand aber dafür in Brixen, wenn auch nicht die volle Gesundheit, so doch eine auffallende Besserung durch die Benutzung der Kaltwasser-Kur. Es befindet sich nämlich in Brixen eine solche nach dem System des berühmten Pfarrers Sebastian Kneipp eingerichtete Heilanstalt unter der umsichtigen Leitung des Herrn Dr. med. Otto von Guggenberg. Am 17. Juli begann ich die Kur und setzte sie – mit geringer Unterbrechung – bis zum 12. Nov. fort. Sie kam mir sehr zu statten; allein mein so vieljähriges Leiden konnte in vier Monaten freilich nicht ganz beseitigt werden.

Bald nach meiner Ankunft stellte ich mich Sr. Exzellenz, dem hochw. Fürstbischof Dr. Simon Aichner vor. Hochderselbe nahm mich auf das allerfreundlichste auf, unterhielt sich lange mit mir, erkundigte sich angelegentlich um die kirchlichen Verhältnisse in Spanien und lud mich gütigst ein, in der bischöflichen Burg sein Gast zu sein. Mir war es wohl bange, daß ich die große Güte des gnädigsten Fürstbischofes solange in Anspruch nehmen sollte und äußerte mich in diesem Sinne auch Hochdemselben gegenüber; allein der edle Fürst beruhigte mich auf eine mich ganz beschämende Weise: „Das sind Skrupel; bleiben Sie solange, als es für Ihre Erholung nötig ist.“ Andererseits diente mir dieser lange Aufenthalt in der Burg zu wahrer Erbauung und vielfacher Belehrung. Außer mir hatte der hochw. Fürstbischof einige Wochen durch noch andere Gäste, z. B. den gelehrten P. Noldin S. J., Universitäts- Professor in Innsbruck; den liebenswürdigen Herrn Albert von Hörmann, Dekan von Matrei. Eine besondere Freude machte es mir auch, daß ich einen ehemaligen lieben Mitschüler in der Theologie (1871 und 1872), den hw. Herrn Cassian Haid, als fürstbischöflichen Mensal-Verwalter in der Burg wieder sah.

Das liebe Stift Neustift, welches von Brixen etwas mehr als drei Kilometer entfernt ist, besuchte ich öfter und fand dort von Seiten des hw. Herrn Prälaten Remigius Weissteiner, des ehrwürdigen, 85jährigen, aber noch rüstigen Herrn Stifts-Dekans Benedict Paldele, sowie aller übrigen neustiftischen Chorherren die allerherzlichste Aufnahme, wie ich sie in den Jahren 1870 und 1881 erfahren hatte.

Während ich in Brixen so beneidenswert untergebracht war, machte Herr Dr. Mitterrutzner seine gewöhnliche Ferienreise, bemerkte mir aber im voraus, daß es diesmal eine Geschäftsreise für das Haus Mortara, d. h. für sein Gotteshaus sein solle. Das Resultat dieser Reise – in Kärnten, Tirol, Vorarlberg und Württemberg – war ein sehr günstiges. Da mir auch in Neustift und Brixen manches Almosen für denselben Zweck gespendet wurde, konnte ich zweimal eine ansehnliche Summe nach Onate schicken.

Jedoch meldete man, daß immerhin noch eine bedeutende Summe erforderlich sei um die Schulden gänzlich zu tilgen. Auf das hin fand es der Herr General für geeignet, mich wieder nach Spanien zu schicken, um dort neuerdings zu predigen und für die Herz-Jesu-Kirche zu sammeln. Sein Schreiben traf in der ersten Woche des November ein. Umgehend antwortete ich meinem hw. Vorgesetzten: Ecce adsum, mitte me! (Hier bin ich, sende mich!) Gehorsam ist meine strenge, heilige Pflicht: ich habe ihn ja feierlich gelobt. Und wenn ich auch ein Opfer des Gehorsams werde, so sei Gott dafür gepriesen! Ich habe, solange mir der liebe Gott das Leben schenkt, keinen sehnlicheren Wunsch, als zu seiner Ehre zu arbeiten und – zu leiden.

Nachdem ich nun allen meinen Wohltätern, Freunden und Bekannten in Neustift und Brixen entweder persönlich, oder öffentlich in der „Brixener Chronik“ meinen herzlichen Dank ausgesprochen hatte, verließ ich am 12. Nov. das mir so teuere Brixen. Mein väterlicher Gönner und liebevoller Mitbruder Herr Dr. Joh. Chrysostomus Mitterrutzner begleitete mich bis Bozen, von wo aus ich bis Verona reiste. Für ein Nachtquartier in der eben genannten Stadt war im c.-afrikanischen Missions-Institute des hochsel. Bischofs Comboni schon von Brixen aus gesorgt worden. Der liebenswürdige Prokurator des Institutes, hw. Herr Josef Sembianti, erwartete mich am Bahnhof und führte mich ins Missionshaus, wo ich die herzlichste Aufnahme fand.

Tags darauf reiste ich nach Venedig, wo sich eben meine geliebte Mutter befand bei meinem Bruder Aristide; auf ihre dringende Bitte blieb ich zwei Tage an ihrer Seite und nahm dann einen recht wehmütigen Abschied. Von Venedig fuhr ich direkt nach Mailand, wo ein anderer Bruder Ercole lebte, den ich seit 33 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Er nahm mich freundlichst auf; allein meine Belehrungen, Bitten und Ermahnungen bezüglich der Religion fanden kein Gehör. Von Mailand reiste ich ohne weiteren Aufenthalt über Genua nach Marseille, wo ich meine alten edlen Wohltäter – die Familie Marcorelles begrüßte. Nach kurzem Aufenthalte ging die Reise über Lourdes nach Onate, wo ich am 21. November eintraf.

In England und wieder in Italien. Haus und Kirche der hl. Familie zu Rom

Bald darauf begab ich mich auf die Reise nach Madrid und Barcelona, um Beiträge zu sammeln für die Vollendung meiner Herz-Jesu-Kirche. Ich war äußerst erschöpft und tief ergriffen durch den plötzlichen Tod meines innigstgeliebten Mitbruders und Mitschülers, des Can. Donzella. Dann schickte mich der Herr Ordensgeneral Santini in unser englisches Kloster von S. Monica Spettisbury (Dorsetshire). Ich beeilte mich das Englische gründlich zu erlernen, um in dieser Sprache zu predigen und die unsere dortige Missionskirche besuchenden Protestanten zum katholischen Glauben zu führen. Aber kaum hatte ich einige Konferenzen gehalten, als ich durch oberste Verfügung des Ordens nach Bologna gerufen wurde. Das war für mich ein großes Opfer. Mit unserem Heiland sagte ich: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ und reiste dahin. In Modena besuchte ich wieder meine liebe, alte Mutter. Überaus große Freude von beiden Seiten: Meine Schwestern teilten diese Freude mit ihren Kindern.

Seit vielen Jahren war es für unseren Orden ein höchst dringendes Bedürfnis, ein eigenes Haus in Rom zu besitzen, da eben infolge der Aufhebung unseres Klosters S. Pietro in Vincoli der Ordensgeneral und die übrigen Chorherren in einem keineswegs geräumigen und zwar gemieteten Hause wohnen mußten. Da aber die notwendigen Mittel dazu mangelten, schickte der Herr General das bescheidene Kind der Vorsehung ins Ausland, um dieselben aufzusuchen.

Bekanntlich sind in Italien seit 1859 infolge der politischen Umwälzung und der Ausbreitung der revolutionären Bewegung alle Klöster aufgehoben und zu weltlichen Zwecken verwendet worden. Das geschah auch in Rom nach den traurigen Ereignissen von 1870, und das Kloster S. Pietro in Vincoli, eines der schönsten und berühmtesten Gebäude, wo seit Julius II. die Regulierten Chorherren ansässig waren, wurde im Jahre 1872 zu einer polytechnischen Staatsanstalt bestimmt.

Seit der Aufhebung des Klosters mußten der Ordensgeneral und die übrigen Ordensleute in einem gemieteten Haus sich niederlassen. Ein solcher Zustand war seit einigen Jahren unzulässig, besonders deshalb, weil da kein Platz mehr zur Verfügung stand für die aus verschiedenen Ländern nach Rom berufenen Jünglinge, welche dort ihre höheren Studien durchmachen, und auch für Missionen (namentlich in England und Australien) ausgebildet werden sollen. Da entschloß sich der hw. Ordensgeneral P. Santini ein Haus zu stiften, welches ganz besonders als Collegium und Missionshaus gelten und unter dem Schutz der hl. Familie stehen wird.

S. H. Papst Leo XIII. hat durch S. E. Card. Rampolla den apostolischen Segen allen denjenigen gespendet, die zu diesem guten Werk beitragen, und das Werk selbst allergnädigst beglückwünscht, und genehmigt. Mehrere Prälaten haben geruht den bischöflichen Segen zu erteilen, den Unterfertigten auf das wohlwollendste aufzunehmen und zu empfehlen, namentlich Ihre Eminenzen Card. Gruscha, Card. von Schönborn, Card. Krementz und ganz besonders S.E. Card. Kopp, der unser Kardinal-Titular in S. Angese extra muros zu Rom ist, sodann die Erzbischöfe von München und Olmütz und die Bischöfe von Mainz, Regensburg, Würzburg, Speyer, Limburg, Trier, Brixen, Laibach, und andere.)

Ich durchreiste Elsaß (Straßburg), Baden, Württemberg, Holland, Westfalen, Bayern und Österreich, hatte überall viel auszuhalten, und leider war der Erfolg von keiner Bedeutung, da ich nur privatim die Leute besuchte. Auf der Würzburger Katholiken-Versammlung hielt ich eine Anrede. Anfangs Oktober besuchte ich in Neustift den lieben, alten Dr. Mitterrutzner, der im Juli 1893 schwer krank war, aber in zwei Monaten sich doch so erholt hatte, daß er seine Secundizfeier halten konnte. Der hochwürdigste Fürstbischof von Brixen hielt ihm die Festpredigt.

Bald darauf rief mich der Herr General nach Rom, wo ich in S. Agnese fuori le mura via Nomentana, vier Monate zubrachte. Ich predigte mehrmals in Rom, sowie auch in anderen Städten Italiens, namentlich in Bologna, wo auch meine Verwandten mir zuhörten, aber leider meinen Worten keinen Glauben schenkten. Nur die göttliche Gnade vermag es, die Herzen zu erobern!

Das italienische Klima war für meine schwächliche Gesundheit kein günstiges, weswegen der Herr General mich wieder nach Frankreich, und zwar in das Kloster Notre-Dame de Beauchêne schickte. In Frankreich war ich vier Monate als Missionär und Prediger tätig. Indessen wurde das Bedürfnis, ein Haus in Rom zu besitzen, immer dringender, auch aus dem Grunde, weil in dem gemieteten Hause für die vom Ausland nach Rom berufenen, im Collegio Romano studierenden und für Missionen heranzubildenden jungen Kleriker unseres Ordens kein Platz mehr zur Verfügung stand. Nun vollzog der Herr General den Kauf eines geräumigen Hauses (S. Martino al Macao 12), dessen Preis aber so hoch war, daß er nicht sogleich hatte bestritten werden können. Um nun einen Ausweg zu finden, äußerte mir der Herr Ordensgeneral seinen Wunsch, ich möchte (da mir die liebe Vorsehung einen bekannten Namen geschenkt) ihm dazu behilflich sein. Ich antwortete mit den Worten des Psalmisten: „Ich bin bereit und ohne Angst“ – „Paratus sum et non turbatus“ (Ps. 118).

Nun ging die Reise über Paris nach Belgien, Luxemburg, Trier, Straßburg, wo mir die edle Mère S. Francois Xavier, Oberin im Pensionat Notre-Dame, sehr behilflich war. Diesmal gedachte ich mit Genehmigung des Ordensgenerals öffentlich in den Kirchen, Vereinen und Collegien aufzutreten, da die Erwähnung meiner so bewegten Geschichte, der vom lieben Gott erwiesenen Gnaden, des hochsel. Papstes Pius IX. und die Aufforderung zum Gebete für meine Familie bedeutend zu meinem guten Zwecke beitrug. Öfter brachte ich von der Kanzel aus, und anderswo die frommen Zuhörer zum Weinen.

Meine Reise vollzog sich über Baden und Württemberg (wo ich wieder, und nicht umsonst, die edle Fürstin von Waldburg-Wolfegg besuchte) nach Limburg und Frankfurt a. M. Die liberalen und jüdischen Zeitungen von Frankfurt und Italien, welche meldeten, ich hätte öffentlich über meine Familie Schimpfworte ausgesprochen, mußte ich auffordern, die Verleumdung zu widerrufen. Der Herr Dekan von Darmstadt, Dr. Els, gab in der „Germania“ eine schneidige Antwort.

In Wörishofen war mir der berühmte Pfarrer Msgr. Prälat Kneipp sehr gütig. Er meldete meine Mission, forderte auf zu Beiträgen und schenkte mir eine reichliche Gabe. Über Bayern (wo ich in München, Augsburg und Regensburg tätig war) reiste ich nach Prag, von dort nach Brünn. Hier half mir eifrig der hochgeschätzte Herr Dr. Kolisek, Domvikar und Religions- Professor, dessen Bruder Dr. Alois Kolisek, Professor im Taubstummen-Institute zu Eibenschütz, vorliegende Schrift in das Böhmische übersetzte. Celsissimus Bischof Bauer nahm mich auf das huldvollste auf.

Über Olmütz reiste ich nach Breslau. Se. Eminenz, Cardinal Dr. Georg Kopp, Fürstbischof von Breslau, ist gegenwärtig Titular von unserer Basilika S. Agnese extra muros in Rom. Se. Eminenz ließ mir huldvoll ihren Schutz angedeihen, empfahl mich direkt und spendete eine fürstliche Gabe. Ich predigte in vier Pfarrkirchen der Hauptstadt, worauf die Sammlung erfolgte, besuchte einige fromme und adelige Familien, und mit Genehmigung des hw. Purpurträgers begab ich mich auch nach Oberschlesien, wo ich staunen mußte über den Glauben und die Freigebigkeit der Schlesier, besonders der ausgezeichneten Polnischschlesier. Die Influenza und eine Laryngitis erschwerten sehr meine Tätigkeit. Der hw. Herr Karl Augustin, General-Vikariatsrat und Kaplan der Grauen Schwestern in Breslau empfing und empfahl mich auf das liebevollste, so daß ich überall bei denselben lieben Schwestern (z. B. in Neisse, Leobschütz und Ratibor) herzliche Aufnahme und Pflege fand; in Breslau blieb ich durch drei volle Wochen bei demselben Herrn Karl Augustin im St. Joseph-Stift (Uferstraße Nr. 1).

Von Breslau reiste ich nach Österreich, predigte und sammelte (jetzt auch für den bald zu beginnenden Bau der Kirche der hl. Familie neben dem erworbenen Haus S. Martino al Macao, 12.), in Troppau und Znaim, wo ich bei den PP. Dominikanern gütige Mitwirkung fand.

In Wien wartete eine große Prüfung auf mich. Aus vielen Gründen wurde meine Aufgabe sehr erschwert, und ich war recht leidend. Die Barmherzigen Schwestern des hl. Vincenz (in der Leopoldstadt) pflegten mich auf das liebevollste und besorgten einige Gaben. Mein verehrter Freund, R. P. Adler, Prior im Dominikanerkloster, und Msgr. Joseph Bergmann, Vicerektor im Pazmanneum, trösteten mich und waren, wo möglich, behilflich.

Es war anfangs März, welcher Monat meinem Lieblingspatron, dem hl. Joseph, gewidmet ihm der mir manchmal, besonders im März, einen Anteil an seinen sieben Schmerzen, bald aber darauf auch an seinen Freuden angedeihen läßt. In Graz wurden mir seine Freuden zu Teil. Celsissimus Fürstbischof Dr. Schuster war überaus gütig. Aber der edle, liebevolle Herr kaiserl. und geistl. Rat, Alois Zeyringer, Direktor des Taubstummen-Institutes, ein eifriger Verehrer und Nachfolger des sel. Fr. Sales Prugger und inniger Freund des Dr. Mitterrutzner, war in Graz meine sichtbare Vorsehung, so daß ich mich dort eines glücklichen Erfolges erfreute.

Von Graz ging die Reise nach Laibach, wo ich auch eine große Freude hatte. Celsissimus Fürstbischof Dr. Missija, den ich schon 1891 in Graz als Kanzler des hochsel. Fürstbischofs Zwerger kennen gelernt, bot mir in seinem Palais die gütigste Unterkunft und spendete zum dritten Male, wie in Brixen und Laibach selbst 1893, eine fürstliche Gabe für das römische Haus. Der gelehrte, liebenswürdige Kanonicus Msgr. Jeran, Redakteur des „Zgodnja Danica“ (Morgenstern), dem mich Dr. Mitterrutzner empfohlen hatte, sorgte für den guten Erfolg meiner Bestrebungen.

Von Laibach begab ich mich nach Brixen, und zwar direkt nach Neustift, um dort die hl. Osterfesttage zuzubringen und nach so vielen Beschwerden mich zu erholen. Der alte, liebenswürdige Herr Direktor empfing mich wie immer auf das väterlichste; der hochwürdigste Herr Prälat Weissteiner und die übrigen Canonici trugen durch ihre brüderliche Zuvorkommenheit zu meiner Erholung bedeutend bei.

Der hochwürdigste Fürstbischof Simon Aichner, bei dem ich schon am Karfreitag meine Aufwartung machte, lud mich väterlich ein, auch in der Burg auf einige Tage zu rasten. So kam ich in der Osterwoche dorthin, nachdem ich in Neustift bei meinem lieben, verehrten Gönner Dr. Mitterrutzner acht volle Tage zugebracht hatte. Der Aufenthalt in der f. b. Burg war, wie früher, ein in jeder Hinsicht höchst freudiger.

Als ich am 21. April vom Celsissimus Abschied nahm, ersuchte ich ihn, mir gütigst zu erlauben, seine Diözesankinder einzuladen, zu meinem guten römischen Werk beizutragen. Hochderselbe ist gegenwärtig in der Wiederherstellung seiner Domkirche begriffen, und desungeachtet gab er mir die gewünschte Bevollmächtigung und auch ein ergiebiges Almosen. Meine kindliche Dankbarkeit gegenüber dem hochwürdigsten, hochgeschätzten und vielgeliebten Kirchenfürsten ist eine grenzenlose. Möge das göttliche Herz Jesu es ihm reichlichst und ihn lange Jahre noch für das Wohl der katholischen Kirche erhalten.

Mein erster Besuch galt der Landeshauptstadt, wo der hw. Herr Dekan Dr. Kometer und der hw. P. Noldin S.J., Rektor des Jesuiten-Collegiums, sich gütig zur Verfügung stellten, um, nach gebührender Besprechung, meine Aufgabe zu fördern. Der liebe Dr. Mitterrutzner unterließ es nicht, mich seinen Freunden zu empfehlen. Indessen begab ich mich in einige Gemeinden der Umgebung, wie Hall, Schwaz, Deutsch-Matrei und Steinach, wo ich bei den Herren Pfarrern freundliche Mitwirkung und bei den edlen Pfarrkindern freudiges Beisteuern fand.

Anhang und Schluß

(in der 3. Auflage beigefügt)

Am Schluß der zweiten Auflage deutete ich auf die Fortsetzung meiner Reise über Vorarlberg nach der Schweiz und von dort nach London hin. Meine Fahrt nach London wurde aus besonderen Gründen verschoben. In Feldkirch nahm mich der hw. Weihbischof Zobel auf das huldvollste in seiner Wohnung auf. Die Sammlung wurde aber auf eine günstigere Zeit festgesetzt.

Ich brauchte Ruhe. Daher empfahl mich der Rmus. Ordensgeneral dem Hw. Abt Bourgeois, Probst der regulierten Chorherren von Groß St. Bernhard, um auf den dortigen Alpen frische Luft zu schöpfen. Über jene so interessante Anstalt habe ich einen in mehreren Sprachen abgefaßten Bericht herausgegeben. Sowohl der Hw. Abt Bourgeois als die übrigen lieben Mitbrüder behandelten mich mit der freundlichsten Zuvorkommenheit. Ich besuchte auch die Mitbrüder auf dem Simplon, wo ich meine hl. Exerzitien verrichtete.

Ende September reiste ich in Begleitung des hw. Herrn Probst nach Einsiedeln, und von dort über Mühlhausen und Colmar nach Straßburg, von wo ich nach Lothringen zu fahren dachte, um meine unterbrochene Missionsaufgabe zu übernehmen. Die schwerste Prüfung wartete dort auf mich. Ich empfing ein Telegramm, welches mir die schwere Krankheit meiner lieben Mutter meldete. Das Herz tief ergriffen, reiste ich sofort von Straßburg direkt nach Mailand und Modena, wo auch ein Onkel und eine Nichte schwer krank lagen.

Meine Mutter fand ich in ihrem Schmerzensbette bei meinem Bruder Arnoldo in Florenz. Dort war auch mein älterer Bruder Niccardo, geisteskrank und von einer heftigen Gehirnaufregung befallen. Ich mußte die ganze Nacht bis 7 Uhr früh schlaflos zubringen, um ihn zu beruhigen. Alles war umsonst, und er mußte von Frau und Kindern scheiden und einem Irrenarzt übergeben werden zur Kur.

Am folgenden Tag besuchte ich meine Mutter. Ach! welch‘ ein Wechsel! Sie kannte mich kaum. Sie hatte eine sehr unruhige Nacht überstanden. Ich dachte ihrem edlen Herzen noch einmal die süßen Namen Jesu und Mariä erklingen zu lassen und den letzten Versuch zu machen, sie zu bekehren. Aber die Sache war bedenklich. Meine Geschwister verließen nie ihr Bett. Ich war selbst höchst unruhig.

Wie ein himmlischer Lichtstrahl überzog mein Gemüt der Gedanke, die Sache mit dem in Lucca (unweit von Florenz) weilenden Ordensgeneral Reverendissimus Santini zu besprechen. Der Besuch und die Verabredung mit dem Rmus. Pater verschaffte mir große Tröstung. Als ich von Florenz abreiste, da eben meine Mutter sich etwas besser befand, beauftragte ich meinen Bruder Riccardo mir genau zu berichten. Leider vergaß er es, und als ich nach Florenz zurückkam, war mein Herz wie durch einen Donnerschlag erschüttert; – meine liebe Mutter hatte mich verlassen. Unmöglich konnte ich meinem tiefen Schmerze Ausdruck geben. Ein Strom von Bitterkeit überfüllte meine Seele. Der Gedanke, ich hätte das Mögliche nicht geleistet zum ewigen Heile meiner herzlichgeliebten Mutter war und ist beständig wie ein stechender Dorn und zerreißendes Schwert in meinem Herzen. Seine Exzellenz Fürstbischof von Brixen, Dr. Msgr. Aichner, Rmus. Santini, mein innigstgeliebter Mitbruder und Gönner, Dr. Mitterrutzner und viele andere Freunde und Bekannte beruhigten und versicherten mich, ich sei nicht verantwortlich, und hätte das Meinige besonders im Gebete geleistet. Aber ich antwortete mit dem Propheten : Ich werde bitterlich weinen; bemüht Euch nicht, mich zu trösten. Solange ich lebe, werde ich trauern, und Buße tun, falls meiner Pflicht nicht nach gekommen wäre. Liebe Freunde und Leser, helfet mir mit Euern inbrünstigen Gebeten.

O göttliches Herz Jesu, ich bitte Dich, erbarme Dich meiner lieben Mutter und gib ihr die ewige Ruhe ! – O Sohn Davids, erbarme Dich meiner Geschwister und nimm hinweg den Schleier aus Ihrem Herzen, damit sie Deinen Vater und Dich kennen und preisen.

Ich mußte auch, aber ganz incognito und privatim bei der Beisetzung des Leichnams meiner Mutter zugegen sein, wobei der Talmudistische Ritus und die eiskalte Gleichgültigkeit der Anwesenden die tiefe Wunde meines blutenden Herzens noch weiter öffnete.

Von Florenz reiste ich nach Straßburg zurück, und bald nach Metz, wo ich mich nur zwei Tage aufhielt. Sowohl in Metz als auch in Trier erfreute ich mich in meinen Bemühungen keines besonderen Erfolges. S. E. Msgr. Korum nahm mich sehr freundlich auf und empfahl mich schriftlich, und so konnte ich in seiner Diözese einige Gaben sammeln, besonders in Koblenz, wo ich beim Herrn Dekan Meurin die herzlichste Aufnahme fand, und anderswo. In den Gemeinden Mayen, Andernach, Neuenahr, Ahrweiler und Heimersheim ermöglichten mir sowohl die freundliche Teilnahme der Pfarrer, als auch der feste Glaube und die zärtliche Nächstenliebe der Gemeinden einen besseren Verlauf in meinen Bemühungen.

Von einem ehrwürdigen Pater Franziskaner wurde ich in Köln empfohlen und fand die freundlichste Unterkunft bei einer ausgezeichneten Familie, wo ich während meines monatlichen Aufenthalts sowohl Tröstung als neue Erbauung fand. Der Segen und die wiederholten schriftlichen Empfehlungen S. E. des Cardinal-Erzbischofs Dr. Ph. Krementz begleiteten mich in meinen schweren Bestrebungen zur Erzielung des erwünschten Zweckes, so daß ich in mehreren Kirchen der Stadt und der Vororte predigen und zu meinem frommen Werke Kollekten veranstalten konnte, wobei ich sowohl die freundliche Beteiligung der Herren Pfarrer, als auch die Freigebigkeit der guten Kölner bewundern mußte, deren Glauben und Opferwilligkeit noch mehr zu schätzen sind, als der weltberühmte nie genug geschätzte Dom, eines der großartigsten Denkmale der katholischen Welt.

Mit dem Segen Seiner Eminenz werde ich andere Städte der Erzdiözese besuchen, namentlich Aachen, die alte, ehrwürdige Stadt, welche der berühmten Colonia Agrippina so schön und treffend gegenüber steht. Unsere tiefste Dankbarkeit und eifrigen Gebete sind sowohl dem hochgeschätzten Pupurfürsten, als seinen frommen Diözesankindern für immer zugesichert. Möge die hl. Familie es Ihnen reichlich vergelten.

Liebe und fromme Leser! Wie Ihr seht, ist mein Leben wohl ein sehr bewegtes und auch ein sehr geprüftes. Aber der liebe Gott hat mir so viele und große Gnaden angedeihen lassen, daß ich mich gewaltig bewogen fühle, für Seine Ehre etwas zu leisten und zu leiden. Die liebe Vorsehung hat mir vermittelst des hochseligen Papstes und der unbefleckten Empfängnis einen bekannten Namen geschenkt, während die praesentia corporis (die leibliche Gegenwart), wie der hl. Paulus sagt, wohl eine schwache (infirma) ist, und ich persönlich gar nichts bin (tametsi nihil sum). Aber der Name soll zur Ehre Gottes und zum Wohl und Zuwachs meines geliebten Ordens, der mich erzogen hat, etwas beitragen. Wenn ich dabei sowohl körperlich als moralisch Manches bestehen muß, so wird für mich immer der Wahlspruch gelten: Sit Nomen Domini benedictum! Ja! ich möchte dahinkommen und mit der hl. Theresia sagen : „Entweder leiden oder sterben!“

Dient diese Schrift zur Erbauung meiner lieben Leser, und soll dieselbe sie aufmuntern, für meine lieben verstorbenen Eltern, sowie auch für die Bekehrung meiner noch jüdischen Geschwister zu beten, so ist das Ziel erreicht, und der Lohn auf ewig hienieden und im Himmel gesichert! Gelobt sei Jesus Christus!


1 Alle diese Daten entnahm ich teils den Akten des Prozesses, welcher im Jahre 1859 zu Bologna gegen den damaligen Inquisitions-Präses Pater Felletti angestrengt wurde, teils den Aussagen der Dienstmagd Anna Morisi.
2 Sie lebt jetzt (1895), 77 Jahre alt, in Rom mit einigen von meinen (8) Geschwistern.
3 In diesem Kloster befand sich eine Erziehungsanstalt für Söhne aus bessern Häusern. Im Jahre 1871 hat die italienische Regierung die Chorherren aus dem prachtvollen Gebäude vertrieben und darin eine „Scuola tecnica militare“ untergebracht.
4 Es scheint, daß man abends vor dem Kloster ein Piquet Soldaten postierte, wahrscheinlich um meine Entführung zu verhindern.
5 Pius IX. hatte mehrmals gefragt, ob ich von Rom wohl fort sei; er hatte das gewünscht; allein sein Staatssekretär, Cardinal Antonelli, war anderer Ansicht.
6 Herr Mariani bemerkte am Bahnhofe meinen Vater, der uns aber nicht sah oder nicht kannte.
7 Nur der hochwürdigste Fürstbischof Vincenz Gasser, der hochwürdigste Herr Kanonikus und Seminar-Regens Dr. Simon Aichner (jetzt Fürstbischof) und P. Anicet, O. Cap., mein Beichtvater, und die Chorherren von Neustift, wußten um die Sachlage.
8 Nebenbei dichtete ich gerne; so z. B. eine lange lateinische Ode zur Ehre meines großen Gönners Msgr. Pie bei Gelegenheit seines Priester-Jubiläums am 25. Nov. 1877.
9 Papst Leo XIII. hatte ihn am 12. Mai 1879 zum Cardinal erhoben.
10 In Brixen führte ich den Namen Paul Mazzarelli; in Frankreich nannte mich Msgr. Pie, Pie Pilon.
11 Prugger war damals pens. Direktor des Taubstummen-Instituts in Graz und kränklich – wohl in Folge seiner übergroßen Anstrengungen im Dienste der Taubstummen. Er starb am 18. Januar 1887. Ihm setzte kein Geringerer als der berühmte Historiker Dr. Johann B. von Weiß ein unvergängliches Denkmal in der Schrift: Taubstummen-Direktor Sales Prugger. Ein Lebensbild aus Steiermark. Graz, Styria, 1887.
12 Wir besuchten ihn später auf seiner unweit Graz gelegener Villa.


Katholikentag 1893

Rede von Abbé Pio Edgardo Mortara CRL
Mittwoch, 30. August, 11 Uhr (aus dem Protokoll:)

Vorsitzender Erbkämmerer Graf Ferdinand von Galen-Dinklage eröffnet die dritte geschlossene Versammlung am 30. August um 11 Uhr vormittags mit dem Gruße „Gelobt sei Jesus Christus! [In Ewigkeit. Amen.].

„Meine Herren, ich gebe dem Abbé Mortara das Wort. Die älteren Mitglieder dieser Versammlung werden sich dieses Herrn erinnern. Der heilige Vater Pius IX., hat ihn, nachdem er als israelitisches Kind geboren, in einer schweren Krankheit von der christlichen Dienstmagd getauft war, christlich erziehen lassen. Es gab damals eine große politische Aktion, an welcher Napoleon III. und der englische Minister Palmerston sich beteiligten. Allein Pius IX. blieb fest, und heute ist jenes Kind Priester und regulierter Chorherr in Rom. Es befindet sich auf der Durchreise und wünscht einige Worte an die Versammlung zu richten.“:

„Verehrte Versammlung,! Verehrte deutsche Katholiken! Auf einer ganz zufälligen Reise in Kirchensachen, auf ganz providentielle Weise befinde ich mich in Würzburg und habe die Ehre und da hohe Glück, der Versammlung der deutschen Katholiken beizuwohnen. Meine verehrten Vorgesetzten schickten mich vor zwei Monaten von Italien ins Ausland, um meinem hochgeschätzten und in Italien vielbedrängten Orden eine bessere Zukunft zu bereiten, indem ich die Wohltätigkeit und Freigebigkeit der deutschen Katholiken so viel als möglich in Anspruch nehme. Ich stamme aus dem berühmten Kloster St. Pietro in Vincoli, wo St. Petrus verehrt wird. So habe ich den die Ehre, dieser Versammlung beizuwohnen, und ich wollte Deutschland nicht verlassen, ohne das Glück zu haben, mich an dieser Versammlung zu beteiligen. [Bravo]

Und ich bin stolz darauf. Sie werden mir verzeihen, verehrte Herren, daß ich nicht nur Ihre Aufmerksamkeit, sondern auch ihre Geduld in Anspruch nehme. Es wird aber so kurz sein, daß Sie mich wohl entschuldigen werden. Und sollte ich in einer fremden Sprache, die ich noch erst ganz jüngst mit allergrößter Mühe erlernt habe, mich nicht korrekt ausdrücken, so bitte ich, mit dem Schleier der Nächstenliebe meine Fehler zuzudecken. Damit ist aber nicht gesagt, daß ich berechtigt wäre, in einer so hoch angesehenen Versammlung das Wort zu ergreifen. Im Gegenteil sprechen alle Umstände gegen mich. Und wäre ich nicht von dem hochgeschätzten und hochverehrten Herrn Präsidenten und durch seine Vermittlung, auch vom hochgeschätzten Fürsten Löwenstein, auf die Rednerbühne eingeführt, so wäre es nicht nur eine Vermessenheit, sondern, ich will sagen, eine Frechheit [Widerspruch], hier zu erscheinen.

Aber doch! Zwei Umstände sprechen für mich. Der erste Umstand ist, daß ich ein Fremder bin. Sie werden sich vielleicht wundern. Ich werde es Ihnen aber erklären. Und der zweite Umstand ist der, daß ich durch die Gnade Gottes bin, was ich bin. [Lebhafter Beifall!] Es gilt als ein allgemeines Sprichwort: Laus propria in ore proprio vilescit. Ihr deutschen Katholiken könnt und dürft euch wohl in eurem Hause freuen. Denn ihr habt hier eine kolossale Versammlung zu Stande gebracht, eine phänomenale, tröstende Erscheinung in dieser Zeit, wie sie vielleicht nie im katholischen Deutschland gewesen ist. Aber das können wir nicht vom Auslande sagen. Die katholische deutsche Versammlung zu Würzburg ragt über alle Katholikenversammlungen überhaupt empor – das ist wohl Tatsache. Ich würde nach Italien und in andere Länder kommen und werde sagen: „Ja, die deutsche Versammlung der Katholiken in Würzburg ist eine kolossale Versammlung gewesen.“ [Lebhafter Beifall!]

Keine Nation, das muß ich aus Liebe zur Wahrheit sagen, kann mit den deutschen Katholiken wetteifern, und Sie können stolz darauf sein, daß Sie eine solche Demonstration zu Stande gebracht haben. Und es ist doch in Deutschland der Protestantismus tätig, ist doch Deutschland offiziell eine protestantische Nation. [Lebhafter Widerspruch!] Deswegen sage ich: Trotz des Protestantismus, trotz der Freimaurerei, trotz des wütenden Liberalismus, macht sich in Deutschland das katholische Bewußtsein so geltend, daß ein Fremder staunen muß, wie in einer katholischen Nation eine solche Demonstration zu Stande gebracht werden kann. Ich möchte noch etwas hinzufügen, aber: „Comparationes sunt odiosae.“

Nun sagte ich, der zweite Umstand, warum ich vielleicht berechtigt wäre, das Wort zu ergreifen ist,, daß ich durch die Gnade Gottes bin, was ich bin. Wer die Kirchengeschichte unseres Jahrhunderts gelesen hat, wer das Leben Pius IX. durchblättert hat hat, dem wird gewiß die Geschichte Mortara nicht verborgen sein. Ich habe in dieser Versammlung oft gehört, das Christentum müsse die deutsche Nation durchdringen, das Übernatürliche in der Kirche müsse in der deutschen Nation offiziell sich geltend machen. [Bravo!]

Es genügt nicht, im Privatleben ein Christ zu sein, das Übernatürliche der Kirche muß sich geltend machen im christlichen Leben, in der Schule, in der Bildung der Jugend, überhaupt im öffentlichen Leben des Menschen. Und gerade diesem Übernatürlichen habe ich es zu verdanken, daß ich durch die Gnade Gottes bin, was ich bin. Der Betonung dieses übernatürlichen Rechts der Kirche, wie es Pius IX. so hervorhebt, habe ich es zu verdanken, daß ich heute ein Christ, ein Katholik bin, daß ich der katholischen Kirche angehöre [Stürmischer Beifall!], daß ich ein Religiose, ein bescheidener Sohn des heiligen Augustin als regulierter Chorherr vom Lateran bin, daß ich die Ehre habe, der Katholikenversammlung der deutschen Nation beizuwohnen. [Lebhafter Beifall!]

Ich will also hier, nachdem ich meine Bewunderung über diese kolossale Demonstration [Lebhafter Beifall!], woran sich alle Stände beteiligen, von der höchsten Spitze bis zur Basis der sozialen Pyramide, von dem höchsten und angesehensten Adel bis zum Bauernstand, nachdem ich meiner Bewunderung, daß ein Volk so auftritt, durchdrungen vom Leben der Kirche, Ausdruck gegeben habe, dies nochmals betonen und mich glücklich erklären, daß ich dieser katholischen Kirche angehöre. [Lebhafter Beifall!]

Man hat gesagt vor 35 Jahren, als ich von Pius IX. adoptiert wurde, und als er sich als meinen Nährvater erklärte, daß ich ein Märtyrer wäre, ein Opfer der Jesuiten; man schiebt ja den Jesuiten heute alles unter; daß ich in einem Kerker lebte – und doch lebte ich glücklich in St. Pietro in Vincoli und tauchte mich in die römische Sonne; und daß ich der katholischen Kirche angehöre, daß sich in meiner bescheidenen Person dieses übernatürliche Werk der Kirche geltend gemacht hat, trotz der Politik, trotz aller Mächte der Welt, trotz des französischen, des englischen Ministers, trotz aller Regierungen, die protestierten gegen das Vorgehen Pius IX. in der Mortara-Geschichte. [Beifall!] Was geblieben ist – und dieses ein hat seinen Widerhall in allen Kreisen der Katholiken gefunden –, das ist das großartige, nie hinsinkende „Non possumus“ Pius IX. [Stürmischer Beifall!]

Und da ich die Ehre habe, mich an die Katholiken Deutschlands zu wenden, so sage ich Ihnen: Ihr wißt, was unser hl. Vater Leo XIII. lehrt und denkt, das alles ist gesagt in einem Worte „Non possumus“, wir können, wir wollen nicht unsere Sache auf- und preisgeben, wir dürfen, wir können, wir wollen nicht das Übernatürliche der Kirche auf- und preisgeben [Bravo!], es soll leben in der Kirche, es soll sich geltend machen in der Schule, es soll zum Vorschein kommen in allen Ständen, in allen Schichten der Gesellschaft, es soll dieses Übernatürliche der Kirche nicht nur im Privatleben des Menschen,sondern auch in seinem öffentlichen Leben sich emporarbeiten und eine Zukunft bereiten, wo die Deutschen sagen können und dürfen: „Deutschland ist eine große, kräftige Nation, weil sie immer was, ist und bleiben wird eine katholische Nation! [Beifall!]

Und nun, meine Herren! Will ich als Schluß ein Wort des Jeremias hinzufügen, Sie werden mir verzeihen, daß ich mich in der deutschen Sprache zu unvollkommen ausdrückte [Widerspruch!], denn ich war und bin und werde bleiben ein Kind: „Nescio loqui, quia puer sum, ich weiß nicht zu reden, weil ich ein Kind bin, nämlich das Kind Mortara.“ [Stürmischer Beifall!]


Tischrede von Abbé Pio Edgardo Mortara CRL
Donnerstag, 31. August, 11 Uhr (aus dem Protokoll:)

Fürst Löwenstein: „Meine Herren! Der hochwürdige Pater Mortara, der uns gestern einen so interessanten Vortrag gehalten hat, beabsichtigt, einige Worte auch hier an die Tischgenossenschaft zu richten.

Pater Mortara: „Meine hochverehrten Herren! Ich könnte als ein Eindringling erscheinen, aber ich bin von Seiner Durchlaucht dem unvergleichlichen, hoch und nie genug verehrten Fürsten zu Löwenstein eingeführt worden. Ich werde aber auf das Wort, welches mir der hochverehrte Herr Vorstand dieser Stadt gerade jetzt gesagt hat, ganz meine Aufmerksamkeit lenken, daß ich dem Horaz folge, besonders nach Tisch: „Brevis esse laboro.“ Ich werde aber doch Sorge tragen, daß ich nicht „obscurus fiam.“ Ich bin ein Fremder, – Fremder sollte ich eigentlich nicht sagen, denn unter uns Katholiken gibt es keine Fremden. [Bravo!] Wenn es aber Katholiken sind, wie Sie es sind, und die, wie Sie es in dieser Versammlung getan haben, ihre Gesinnung so heldenmütig aussprechen, da bin ich zu Hause, da bin ich in meiner Heimat, da bin ich kein Fremder [Bravo!]

Ich bin es wohl um so weniger, da ich ohne jedes Verdienst von meiner Seite, ich möchte wohl sagen mit dem heiligen Paulus: „cum nullis meritis bonis, cum multis meritis malis“ dazu gekommen, daß ich der Schützling Pius IX. bin.

Pius IX. lebt im Gedächtnis und im Herzen aller Katholiken und ganz besonders der deutschen Katholiken. Er ist auf eine ganz sonderbare Weise mein Vater geworden. Gewiß sind Sie auch Kinder Pius IX., [Bravo!] der die deutschen Katholiken so hoch schätzte und liebte. Sie sind also meine Freunde und Brüder. [Bravo!]

Ich muß noch einmal meine Bewunderung aussprechen über die Art und Weise, in welcher diese hochverehrte Versammlung abgehalten worden ist. Die Einheit, welche da herrschte in den Frage, die da behandelt worden sind, und die allgemeine Beteiligung – da ist ein Phänomen, welches ich nur in Deutschland gesehen habe. Diese Einheit habe ich nirgends getroffen. Ich will da keine Nation nennen; aber diese Einheit der katholischen Versammlung in Würzburg, die Übereinstimmung in allen Gegenständen und insbesondere in den Sitzungen, das ist ein Zeichen, daß die Kirche lebt und leben wird und daß die Kirche triumphieren wird. Denn „wo zwei oder drei sind im Namen des Herrn, da ist der Herr auch“. Also ist der Herr mit Ihnen, also werden Sie triumphieren. Die Einheit aber in den höchst bedeutenden Fragen, die behandelt worden sind, besonders in der Arbeiterfrage, hat mich entzückt und ich konnte meiner Bewunderung nicht genug Ausdruck geben, als ich von diesen so edelmütigen, so kräftigen und gelehrten Rednern die katholische Wahrheit in einer so schönen Form ausdrücken hörte. Und wenn die Fragen, wie sie in der katholischen Versammlung verhandelt worden sind, ihre Lösung finden, dann wird in der Gesellschaft anders gelebt werden und man zu dem Ziele gelangen, welches vom heiligen Vater, der da ist „Lumen in coelo“, angegeben worden ist.

Endlich, meine Herren, die allgemeine Beteiligung, die allgemeine Tätigkeit, die ich dabei gesehen habe, ich wiederhole es, um Ihre Geduld nicht länger in Anspruch zunehmen: ich werde in meiner Heimat zurückkehren, werde auch Frankreich besuchen, und mich an die spanischen Katholiken adressieren und werde sagen und schreiben: Wollen Sie ein Vorbild für die Einigkeit und eine fruchtbare Versammlung haben, so nehmen Sie die Versammlung der deutschen Katholiken zu Würzburg. [Bravo!] Das ist ein Vorbild einer echt katholischen Versammlung!

Und ich werde auch den Weg finden, daß unser hochverehrter heiliger Vater, Papst Leo XIII., sich ganz genau informieren könne über die Art und Weise, wie die katholische Versammlung getagt hat, und über ihre Wirkungen und über ihre Reden, daß die Redner auch wohl dem heiligen Vater nicht unbekannt sind. Ich werde ihm mitteilen auch von dem hochverehrten Herrn Präsidenten, von dem Kommissär der Katholikenversammlung, deren Namen dem heiligen Vater wohl lieb sind. [Bravo!]

Er weiß wohl, daß er das katholische Deutschland auf seiner Seite hat, er weiß, wie das katholische Deutschland kräftig und heldenmütig arbeitet, um die Rechte der Kirche, die ewigen Rechte des Papstes, eine Unabhängigkeit, wie es heute in einer Rede so schön ausgeführt wurde, geltend zu machen. Es hat mich entzückt, daß das katholische Deutschland die Rechte des Papstes in einer so großen Versammlung aufrecht erhält, und ich weiß, daß der heilige Vater auf der Seite des katholischen Deutschland steht [Bravo!]

Ich will nichts Anderes sagen, als nur noch einige Worte hinzufügen. In meiner Wiege habe ich die heilige Taufe empfangen und nachdem ich die heilige Taufe empfangen habe, habe ich um ein Almosen ersucht. Und dieses Almosen hat mir der heilige Vater, Pius IX. gegeben. Das war die katholische Erziehung, und diese Erziehung ist das schönste Geschenk, welches ich von der katholischen Kirche vermittels Pius IX. erhalten habe. [Bravo!]

Ich möchte aber, meine verehrten Herren, sorgen für die katholischen Orden. Ich arbeite nämlich für die Wiederherstellung der vom italienischen Staat geschlossenen Kommunität der regulierten Chorherren in Rom. Mit der Genehmigung des hochverehrten Präsidenten und auch des Vorstandes dieser Stadt werden Sie mich, wenn Sie aus diesem Saale hinausgehen, um ein Almosen bittend an der Türe treffen. Sie wissen ja recht, wie die Zustände in Rom und überhaupt in Italien sind, wie die katholische Kirche und die Sache des Papstes und der religiösen Orden dort steht. Ich werde also jetzt für das Wohl der katholischen Kirche, besonders aber für das Wohl meines hochverehrten Ordens auch von den deutschen Katholiken ein Almosenerbitten. Ich bringe also ein Hoch der Katholikenversammlung zu Würzburg, dem hochverehrten, durchlauchtigsten Fürsten von Löwenstein, dem hochverehrten Vorstande dieser Versammlung, den Präsidenten der katholischen Vereine, uns all den deutschen Männern, die meine Freunde, meine Brüder sind, Hoch! Hoch! Hoch!“

[Die Festtafel stimmt begeistert in die Hochrufe ein.]