Galileo Galilei

Das Fernrohr des Galiläers

Bemerkungen zur ungebrochenen Popularität eines mittelmäßigen Astronomen

Der Name des Galileo Galilei ruft immer noch Emotionen hervor, obgleich der Mann bald vierhundert Jahre unter der Erde liegt. Gläubige Söhne der Kirche ächzen gequält, sobald die Rede auf die vermeinte Schande ihrer Altvorderen kommt, und suchen sich aus der Affaire zu winden, während die Welt ihnen ein ums andere Mal die Schändlichkeit ihres Glaubens vorhält, aufgrund dessen man den großen Galileo, den Märtyrer der Wissenschaft und allen freien Geistes, verurteilt habe.

Kürzlich habe die schändliche Kirche Galilei sogar rehabilitieren und damit ihr Versagen anerkennen müssen: was ihr man natürlich nicht positiv anrechnet, sondern als Bestätigung der eigenen Position wertet, gleichsam als Eingeständnis der Menschenfeindlichkeit und Schädlichkeit des Glaubens und der Kirche durch diese selbst. Seltsame Debatten kann man da beobachten, wenn die scheinbar bloßgestellten Anhänger der Kirche in den Stricken dieser fatalen Konstellation zappeln. Hilfreicher wäre freilich der Blick auf die historischen Fakten. Begeben wir uns darum auf einen kleinen Ausflug zu den Quellen, um zu sehen, »wie es eigentlich gewesen«.

Zunächst ist zu bemerken, daß hier drei Themenkomplexe ineinander verwoben sind. Besser, wir lösen sie voneinander: Der erste nämlich ist der wissenschaftshistorische; der zweite derjenige der kirchlichen Position gegenüber den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen; den dritten endlich, den juristischen, bildet Galileis Prozeß.

Juppiters Satelliten

Beginnen wir mit dem wissenschaftshistorischen Teil. Daß Galilei sich hinsichtlich der naturwissenschaftlichen Welterkenntnis Verdienste erworben hat, ist unbestritten – und war auch immer unbestritten. Nehmen wir als Beispiel seine teleskopische Beobachtung vierer Juppitermonde, die er 1610 einigermaßen vollmundig in seinem Sidereus Nuncius verkündete.

Interessant ist hier weniger, wie Galileis Entdeckung von den in striktem Aristotelismus verfangenen Zunftvertretern zurückgewiesen wurde, noch auch der Erfolg, den er damit erntete: nämlich die Berufung des Professors Galilei an die Universität seiner pisanischen Heimat und zugleich zum Hofastronomen des Großherzogs der Toscana. Viel interessanter als dies und höchst lehrreich zu lesen ist vielmehr, wie manch dem heliozentrischen Modell des Copernicus gegenüber aufgeschlossener Gelehrte reagierte; allen voran Kepler, der sich mehrfach aus Prag zu Wort meldete, zuerst in einem Brief vom 19. April 1610 an Galilei.

Johannes Kepler

Kepler verteidigte den Kollegen zunächst gegen jene Angriffe der Aristoteliker und gab seiner Hoffnung Ausdruck, »me hac epistola id tibi profuturum, si eam censueris ostendendam, ut contra morosos novitatum censores, quibus incredibile quicquid incognitum, profanum et nefandum quicquid ultra consuetas Aristotelicae angustiae metas, uno proaspiste sis processurus instructior – daß ich dir durch diesen Brief nützen werde, falls du dafürhältst, ihn vorzuzeigen, damit du gegen die trägen Zensoren der Neuigkeiten – denen unglaubwürdig ist, was immer unbekannt, und unheilig und gottlos, was immer die gewohnten Maße aristotelischer Enge überschreitet – durch einen schirmenden Schild besser gerüstet fortschreiten kannst«.

Doch was für ein Brief war das! Kepler fachsimpelt freundschaftlich-plaudernd über seine Erfahrungen mit dem Fernrohr, wolle aber auf seine eigenen, sechs Jahre zuvor erschienenen Bücher zur Optik – die auch bereits davon gehandelt hatten – nicht weiter eingehen (»mea Optica ante annos sex edita praeteream«). Spätestens hier dürfte Galileis Gesicht sich bei der Lektüre des Schreibens verfinstert haben, hatte er sich doch schon auf dem Titelblatt des Sidereus Nuncius selber als Erfinder des Fernrohrs gepriesen.

Das Fernrohr und seine Erfinder

Kepler erzählt fröhlich weiter, wie bereits Jahre zuvor Giambattista Porta die Theorie des Fernrohrs entwickelt habe (»sed tot iam annis antea proditum a Io. Baptista Porta, Magiae Naturalis libro XVII, cap. X, De crystallinae lentis affectibus«); ferner könne man Fernrohre seit einiger Zeit aus Holland beziehen (»nuper a Belgis prodiit«). Galilei muß förmlich geschäumt haben: um so mehr, als Kepler all das ausdrücklich nicht etwa dem in Padua weilenden Kollegen vorwarf, sondern als Argumente gegen die zweifelnden Aristoteliker anführte, die nicht glauben mochten, daß optische Instrumente den von Galilei beschriebenen Effekt haben konnten.

Daß die Fachwelt sehr wohl verstand, wie hier auf feinsinnige Weise ein Großmaul entblößt wurde, zeigen andere Äußerungen von Zeitgenossen: So schrieb am 16. April 1610 Georg Fugger, der kaiserliche Gesandte zu Venedig, an Kepler, Galileis Werk sei nach dem Urteil vieler in der Astronomie versierter Gelehrter eine dürftig bemäntelte Abhandlung bar jedes philosophischen Fundaments, die er dem Kaiser nicht zu schicken gewagt habe. Galilei sei einer, der sich mit hier oder da gesammelten fremden Federn schmücke, wie der Rabe aus Æsops Fabel. Dazu verweist Fugger auf Galileis angebliche Erfindung des Fernrohrs, das in den Niederlanden und in Frankreich längst auf dem Markt sei (»Ad Galilaei Nuncium Aethereum quod attinet, dudum ad manus meas devenit: et quia multis, in studio matheseos versatis, discursus aridus seu absque fundamentis philosophicis palliata ostentatio videtur, ad Sac. Caes. Maiestat. mittere ausus non fui. Novit et solet homo ille aliorum pennis hinc inde collectis, uti corvus apud Aesopum, se decorare; quemadmodum et artificiosi illius perspicilli inventor haberi vult, cum tamen quidam Belga, per Galliam in hasce partes profectus, primum huc attulerit, quod ipsum mihi et aliis ostensum fuit, et ut Galilaeus vidit, alia ad imitationem confecit, atque aliquid forsan, quod facile est, inventis addidit«).

Nachdem Fugger Keplers Schreiben an Galilei gelesen hat, meint er in seiner Antwort an Kepler, Galilei werde daraus leicht einsehen, daß ihm von Kepler die Maske vom Gesicht gerissen worden sei (»Dissertationem in Galilaei Nuncium perlegi, ex quo is, si vult, larvam sibi detractam facile deprehendet«).

Den Pfau gerupft

Ganz im selben Sinne äußerte sich auch Keplers Lehrer Michael Mästlin aus Tübingen: »Egregie sane tu in tuo scripto (cuius exemplar, a te mihi missum, lectu iucundissimum est; pro quo etiam ingentes tibi ago gratias) Galilaeum deplumasti: videlicet, quod non ipse novi huius perspicilli primus fuerit autor; quod ipse non primus in luna animadverterit impolitam superficiem; quod non primus mundo ostendat plures in caelo stellas, quam quas hactenus in veterum scriptis annotatas – Fürwahr vortrefflich hast du in deiner Schrift (deren Kopie, die du mir übersandt hast, sehr angenehm zu lesen ist; dafür danke ich dir auch ganz gewaltig) den Galilei gerupft [entfedert]: daß nämlich nicht er der erste war, solch ein neues Fernrohr zu bauen; daß er nicht als erster die unebene Oberfläche des Mondes bemerkt hat; daß er nicht als erster der Welt zeigt, daß es am Himmel mehr Sterne gibt, als bisher in der Schriften der Alten notiert sind«.

Man bestreitet dem Galilei also durchaus nicht, etwas entdeckt und geleistet zu haben; neben den Juppitermonden könnte man hier beispielshalber noch die Sonnenflecken und die Venusphasen erwähnen, nicht zuletzt auch seine Fortschritte im Bereich der Mechanik (Fallgesetze), die er jedoch nicht mit seinen astronomischen Anliegen in Verbindung zu bringen vermochte. Angekreidet wurde Galilei aber seine großsprecherische Art, hinter welcher sich um so weniger Substanz verbarg, je lautstärker er sich aufspielte. Galileis klügste Zeitgenossen haben das, wie die zitierten Beispiele zeigen, recht wohl erkannt: Ihnen war Galilei mehr Prahlhans und eitler Pfau denn Wissenschaftler von mehr als gewöhnlichem Rang.

Wo Galileis eigentliches Talent lag, das läßt sich anhand eines andern Werks vortrefflich studieren: Anhand des Saggiatore nämlich, 1623 in italienischer Sprache als Polemik gegen den Astronomen und Jesuitenpater Orazio Grassi verfaßt. Hintergrund war die Beobachtung dreier Kometen im Jahre 1618, über die Grassi aufgrund umfassender Beobachtungen durch die Jesuiten-Astronomen berichtet hatte.

Galilei hatte die Kometen selbst nicht gesehen, doch befürchtete er, daß die beschriebenen, mehr oder weniger linearen Bahnen der Kometen mit dem copernicanischen Modell schlechterdings nicht vereinbar wären. So holte er im Saggiatore zu einem publizistischen Keulenhieb aus, der die Funken stieben ließ. Galilei zeigt sich hier als Litterat, der alle Register seines schriftstellerischen Könnens zu ziehen weiß und der dies Können einsetzt, um den Gegner, namentlich Orazio Grassi, der Lächerlichkeit preiszugeben und publizistisch hinzurichten.

Irrlichternde Kometen

Galilei erntete Begeisterungsstürme. Papst Urban VIII., der ihm schon als Kardinal Verse gewidmet hatte, pries ihn nun in höchsten Tönen. Hatte die wissenschaftliche Substanz des Saggiatore solches Lob verdient? – Galilei bot eine leicht modifizierte Variante ausgerechnet der aristotelischen Kometenerklärung – Feuererscheinungen in der äußeren Atmosphäre infolge von Erdausdünstungen – als Alternative: Lichtphänomene sollten es nun sein, dem Nordlicht vergleichbar.

Tycho Brahe

Daß dies mit dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand schon damals nicht vereinbar war – zumal seit Tycho Brahes Parallaxenberechnung von 1577 –, focht den Pisaner nicht an. Ihm ging es um die Zerstörung einer als gefährlich erkannten gegnerischen Argumentation. Doch obgleich Galilei gefeiert wurde, machte er sich tatsächlich eher Feinde denn echte Freunde: ein Umstand, der später noch eine Rolle spielen sollte.

Nach all dem wird wohl mancher fragen: Ja, aber hat denn Galilei nicht das heliozentrische Weltbild bewiesen? – Blenden wir an dieser Stelle ein paar Jahrzehnte zurück. 1543 war des Nicolaus Copernicus Schrift De revolutionibus orbium coelestium erschienen: Ausgangspunkt eben jener „copernicanischen Wende“, die heute jedem Kind selbstverständlich ist: als Begriff, der für den Wechsel vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild steht, jedoch ohne echte Kenntnis dessen, worum es damals eigentlich ging.

Copernicus und seine Revolutionen

Was also hat Copernicus wirklich geleistet? Er hat keinerlei neue Beobachtungen gemacht. Er hat auch mathematisch keine neuen Methoden zur Berechnung seines Weltmodells entwickelt oder angewandt, sondern sich ganz in ptolemaischen Bahnen bewegt. Neu war bei Copernicus die Perspektive: Statt der Erde nahm er die Sonne als festen Punkt und Ausgangsort seiner Betrachtung. Genau genommen war auch dies natürlich nicht wirklich neu; doch seit im Laufe des dreizehnten Jahrhunderts – parallel zur Aristoteles-Rezeption und vielfach durch arabische Autoren vermittelt – der Almagest des Claudius Ptolemæus von den Gelehrten an den Universitäten verschlungen worden war und sich zudem als wertvolle und zuverlässige Hilfe zur Berechnung und Vorhersage der Planetenbahnen erwiesen hatte, galt seine Autorität praktisch unbeschränkt.

Nicolaus Copernicus

Man kannte zwar gewisse Schwächen und Unzulänglichkeiten. Überdies mußte manches – wie etwa die Epizykeln – als rein geometrische Hilfskonstruktion erscheinen, ohne daß sich der Nachweis erbringen ließ, daß solche Konstruktionen tatsächlich die Natur abbildeten. Zu grundsätzlichem Zweifel sah man jedoch keinen Anlaß, zumal das ptolemaische Modell auch mit den kosmologischen Aussagen der Schrift ohne weiteres in Einklang zu bringen war.

Das Modell des Copernicus kam nun zwar mit dem Anspruch größtmöglicher Einfachheit daher. Die Figuren der Erstausgabe mit ihren konzentrisch angeordneten Planetenbahnen unterstrichen dies noch. Der copernicanische Text erwies das freilich als bloßen Schein: Tatsächlich war das ausgearbeitete Modell nicht minder kompliziert als jenes des Ptolemæus. Wenn es etwa auf die Annahme von Epizykeln verzichten konnte, so wurde damit in der Tat die Berechnung der äußeren Planetenbewegungen etwas einfacher; dagegen bedurften die inneren Planeten jedoch zusätzlicher Annahmen und Hilfskonstruktionen, die das Ganze äußerst komplex geraten ließen. Im Ergebnis war das copernicanische Modell zur praktischen Anwendung wohl nicht schlechter, aber auch nicht besser als dasjenige des Ptolemæus.

Hermetische Sonnenmystik

Also durchaus nicht wissenschaftlichen Fortschritt hat Copernicus gebracht, sondern – um es noch einmal zu betonen – den Wechsel der Perspektive. Der gelehrte Frauenburger Kirchenjurist bestätigt dies selbst: »In medio vero omnium residet Sol. Quis enim in hoc pulc‹h›errimo templo lampadem hunc in alio vel meliori loco poneret, quam unde totum possit illuminare? Siquidem non inepte quidam lucernam mundi, alii mentem, alii rectorem vocant. Trismegistus visibilem deum, Sophoclis Electra intuentem omnia. Ita profecto tamquam in solio regali Sol residens circumagentem gubernat astrorum familiam – In der Mitte aber von allen befindet sich die Sonne. Denn wer könnte in diesem wunderschönen Tempel diese Leuchte an einen andern oder beßren Ort setzen als dorthin, von wo aus sie das Ganze erleuchten kann? Zumal einige sie nicht unpassend das Licht der Welt, andere die Seele, wieder andere den Lenker der Welt nennen. ‹Hermes› Trismegistus bezeichnet sie als den sichtbaren Gott, des Sophokles Elektra als den Allessehenden. So regiert in der Tat die Sonne, gleichsam auf königlichem Throne sitzend, die sie umkreisende Familie der Sterne«.

Bemerkenswert ist hier die Berufung auf gnostisch-hermetische Traditionen – Marsiglio Ficino hatte in Florenz den liber XXIV philosophorum des Pseudo-Hermes Trismegistus ediert und damit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht – als Motivation des Perspektivwechsels. Unverkennbar, wie hier ganz andere als wissenschaftliche Motive den Anstoß bildeten.

Doch zurück zu Galilei. Hat er das Modell des Copernicus wissenschaftlich untermauern können? – Kaum, muß man antworten. Wesentliche Fortschritte hatte zunächst vor allem Tycho Brahes Arbeit gebracht, gestützt auf umfassende Beobachtungen, obgleich der Däne an der geozentrischen Perspektive festhielt. Unter den „Copernicanern“ war es vor allem Kepler, der das Fundament der künftigen Astronomie legte: in ersten Ansätzen schon 1596 in seinem Mysterium Cosmographicum, besonders aber 1609 durch seine Astronomia nova mit den beiden ersten „Keplerschen Gesetzen“, ergänzt 1619 in der Harmonice Mundi um das „Dritte Keplersche Gesetz“.

Galilei hat Keplers Entdeckungen faktisch nicht zur Kenntnis genommen, sie jedenfalls nicht verwertet, obgleich er von ihnen wußte. Das mag daran liegen, daß Kepler das copernicanische Modell damit durch ein grundsätzlich neues – freilich auch heliozentrisches – überwunden hatte, während Galilei Zeit seines Lebens am „reinen Copernicus“ festhielt. Es soll immerhin nicht verschwiegen werden, daß auch Galilei dazu beitrug, gewisse anticopernicanische Argumente aus dem Weg zu räumen: und zwar durch seine teleskopische Beobachtung der Venusphasen. Ähnlich konnte Kepler das Argument der zu geringen Schwankungen der Planetenhelligkeit widerlegen.

Kleine Geister und große Geister

Beides aber sind eher Marginalien. Die wirklichen Meilensteine sind Tychos Forschungen, Keplers Planetengesetze, dann Newton und endlich 1838 Bessels Nachweis der Sternenparallaxe. Galileis berühmter Dialogo sopra i due massimi sistemi del mondo tolemaico e copernicano dagegen erörtert lediglich die bekannten Argumente für und wider das eine und das andre System, unter klarer Parteinahme für das copernicanische. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse enthält er ebensowenig, wie er die Weiterentwicklungen beider Modelle durch Tycho Brahe und Johannes Kepler berücksichtigt – ganz zu schweigen davon, daß der Wettkampf beider Systeme mit seiner Frage nach dem wahren Zentrum der Welt in Wirklichkeit ein Scheinproblem ist: vergleichbar jener Ameise, welche – auf einem Fußball herumkrabbelnd – sich auf die Suche nach dem Mittelpunkt der Kugeloberfläche macht.

Daß unsere heutige „Schulweisheit“ unverdrossen im Geleise Galileis einherfährt, ist eigentlich nur kurios. Wer das bemerkt, wird aber schärferen Sinnes die Haltung der Alten beobachten können, die um die Wende des sechzehnten Jahrhunderts ihren Ptolemæus als Glaubensgut ebenso festhielten, wie heute das öffentliche Bewußtsein sich an den Glaubenssatz des Heliozentrismus klammert.

Die Haltung der Kirche

Kann es sein, daß genau darin der Grund liegt, weshalb die Kirche damals Galilei verurteilte, ihn heute hingegen rehabilitiert (falls sie das tatsächlich getan hat, wie man allenthalben hören kann – wir werden darauf noch zurückkommen)? Kann es sein, daß die Kirche damals das eine für Glaubensgut gehalten hat, heute jedoch etwas anderes? In diese Richtung scheint ja ein Zitat des heiligen Robert Bellarmin zu deuten, welches man in nahezu jeder Diskussion über Galileo Galilei vorgehalten bekommt:

»Während des Prozesses gegen Galilei schrieb Kardinal Bellarmin (maßgebend in diesem Prozess) am 12. April 1615 an den Karmelitermönch Paolo Antonio Foscarini: Zu behaupten, die Erde drehe sich um die Sonne, „ist genau solch ein Irrglaube, wie wenn jemand behaupten würde, Jesus sei nicht von einer Jungfrau geboren“.«

Nun ist bloß der letzte Teil tatsächlich Originaltext des Kardinals Bellarmin; ist der Kontext vom Zitator korrekt wiedergegeben? Das Stück ist interessant genug, ganz gelesen zu werden:

Der Brief des Kardinals

Roberto Bellarmino a Paolo Antonio Foscarini [in Roma].
Roma, 12 aprile 1615.
Al Molto R.do P.re M.ro F. Paolo Ant.o Foscarini, Provinciale de’ Carmelit.ni della Provincia di Calabria.

Hl. Robert Bellarmin

Molto R.do P.re mio,
Ho letto volentieri l’epistola italiana e la scrittura latina che la P. V. m’ha mandato: la ringratio dell’una e dell’altra, e confesso che sono tutte piene d’ingegno e di dottrina. Ma perchè lei dimanda il mio parere, lo farò con molta brevità, perchè lei hora ha poco tempo di leggere et io ho poco tempo di scrivere.
P.° Dico che mi pare che V. P. et il Sig.r Galileo facciano prudentemente a contentarsi di parlare ex suppositione e non assolutamente, come io ho sempre creduto che habbia parlato il Copernico. Perchè il dire, che supposto che la terra si muova et il sole stia fermo si salvano tutte l’apparenze meglio che con porre gli eccentrici et epicicli, è benissimo detto, e non ha pericolo nessuno; e questo basta al mathematico: ma volere affermare che realmente il sole stia nel centro del mondo, e solo si rivolti in sè stesso senza correre dall’oriente all’occidente, e che la terra stia 3° nel cielo e giri con somma velocità intorno al sole, è cosa molto pericolosa non solo d’irritare tutti i filosofi e theologi scholastici, ma anco di nuocere alla Santa Fede con rendere false le Scritture Sante; perchè la P. V. ha bene dimostrato molti modi di esporre le Sante Scritture, ma non li ha applicati in particolare, chè senza dubbio havria trovate grandissime difficultà se havesse voluto esporre tutti quei luoghi che lei stessa ha citati.
2.° Dico che, come lei sa, il Concilio prohibisce esporre le Scritture contra il commune consenso de’ Santi Padri; e se la P. V. vorrà leggere non dico solo li Santi Padri, ma li commentarii moderni sopra il Genesi, sopra li Salmi, sopra l’Ecclesiaste, sopra Giosuè, trovarà che tutti convengono in esporre ad literam ch’il sole è nel cielo e gira intorno alla terra con somma velocità, e che la terra è lontanissima dal cielo e sta nel centro del mondo, immobile.
Consideri hora lei, con la sua prudenza, se la Chiesa possa sopportare che si dia alle Scritture un senso contrario alli Santi Padri et a tutti li espositori greci e latini. Nè si può rispondere che questa non sia materia di fede, perchè se non è materia di fede ex parte obiecti, è materia di fede ex parte dicentis; e così sarebbe heretico chi dicesse che Abramo non habbia havuti due figliuoli e Iacob dodici, come chi dicesse che Christo non è nato di vergine, perchè l’uno e l’altro lo dice lo Spirito Santo per bocca de’ Profeti et Apostoli.
3.° Dico che quando ci fusse vera demostratione che il sole stia nel centro del mondo e la terra nel 3° cielo, e che il sole non circonda la terra, ma la terra circonda il sole, allhora bisogneria andar con molta consideratione in esplicare le Scritture che paiono contrarie, e più tosto dire che non l’intendiamo, che dire che sia falso quello che si dimostra. Ma io non crederò che ci sia tal dimostratione, fin che non mi sia mostrata: nè è l’istesso dimostrare che supposto ch’il sole stia nel centro e la terra nel cielo, si salvino le apparenze, e dimostrare che in verità il sole stia nel centro e la terra nel cielo; perchè la prima dimostratione credo che ci possa essere, ma della 2a ho grandissimo dubbio, et in caso di dubbio non si dee lasciare la Scrittura Santa, esposta da’ Santi Padri.
Aggiungo che quello che scrisse: Oritur sol et occidit, et ad locum suum revertitur etc., fu Salomone, il quale non solo parlò inspirato da Dio, ma fu huomo sopra tutti gli altri sapientissimo e dottissimo nelle scienze humane e nella cognitione delle cose create, e tutta questa sapienza l’hebbe da Dio; onde non è verisimile che affermasse una cosa che fusse contraria alla verità dimostrata o che si potesse dimostrare.
E se mi dirà che Salomone parla secondo l’apparenza, parendo a noi ch’il sole giri, mentre la terra gira, come a chi si parte dal litto pare che il litto si parta dalla nave, risponderò che chi si parte dal litto, se bene gli pare che il litto si parta da lui, nondimeno conosce che questo è errore e lo corregge, vedendo chiaramente che la nave si muove e non il litto; ma quanto al sole e la terra, nessuno savio è che habbia bisogno di correggere l’errore, perchè chiaramente esperimenta che la terra sta ferma e che l’occhio non s’inganna quando giudica che il sole si muove, come anco non s’inganna quando giudica che la luna e le stelle si muovano. E questo basti per hora.
Con che saluto charamente V. P., e gli prego da Dio ogni contento.
Di casa, li 12 di Aprile 1615.
di V. P. molto R.
Come fratello
Il Card. Bellarmino.

Robert Bellarmin an Paolo Antonio Foscarini [zu Rom] Rom, am 12. April 1615 An den hochwürdigen Pater Magister Paul Anton Foscarini, Provinzial der Karmeliter der Provinz Kalabrien

Mein hochwürdigen Pater,
gern habe ich den italienischen Brief und die lateinische Schrift gelesen, die Ihr mir zugesandt habt. Ich danke Euch für das eine wie das andere und gestehe, daß sie erfüllt sind von Geist und Lehre. Doch weil Ihr mich nach meiner Ansicht fragt: Das werde ich sehr kurz machen, denn Ihr habt derzeit wenig Zeit zu lesen, und ich habe wenig Zeit zu schreiben.
1. Mir scheint, sage ich, daß Ihr und Herr Galileo klug daran tut, falls ihr euch damit zufrieden gebt, hypothetisch und nicht absolut zu reden, so wie ich immer gemeint habe, daß Copernicus geredet habe. Denn die Aussage, daß, gesetzt den Fall, daß die Erde sich bewege und die Sonne fest stehe, alle Erscheinungen sich besser erklären ließen als durch die Annahme von Exzentriken und Epizykeln: Diese Aussage ist hervorragend gesprochen und birgt keinerlei Gefahr; und dies genügt den Astronomen.
Jedoch behaupten zu wollen, daß in Wirklichkeit die Sonne im Mittelpunkt der Welt stehe und sich nur um sich selber drehe, ohne von Ost nach West zu laufen, und daß die Erde sich im dritten Himmel befinde und mit höchster Geschwindigkeit um die Sonne kreise: Das ist eine überaus gefährliche Sache, geeignet nicht nur, alle scholastischen Philosophen und Theologen zu verwirren, sondern auch dem heiligen Glauben Schaden zuzufügen, indem die Heiligen Schriften als falsch dargestellt werden. Diesbezüglich habt Ihr viele Methoden aufgezeigt, die Heiligen Schriften zu erklären, doch habt ihr diese Methoden nicht am konkreten Beispiel angewandt. Ohne Zweifel wärt Ihr auf größte Schwierigkeiten getroffen, hättet Ihr all jene Stellen auslegen wollen, die Ihr selber angeführt habt.
2. Ich stelle fest, daß das ‹Trienter› Konzil, wie Ihr wißt, verbietet, die Schriften gegen den allgemeinen Konsens der heiligen Väter auszulegen; und wenn Ihr es werdet lesen wollen, nenne ich nicht nur die heiligen Väter, sondern die modernen Kommentare über das Buch Genesis, über die Psalmen, über den Prediger, über Josuë: Ihr werdet finden, daß sie alle darin zusammentreffen, es im Litteralsinne dahingehend auszulegen, daß die Sonne sich im Himmel befinde und mit höchster Geschwindigkeit um die Erde kreise, daß die Erde sehr weit entfernt sei vom Himmel und unbeweglich im Zentrum der Welt stehe.
Erwägt nun Ihr mit Eurer Klugheit, ob die Kirche es unterstützen könne, daß man den Schriften einen Sinn gebe, welcher den heiligen Vätern und allen griechischen und lateinischen Auslegern entgegengesetzt wäre. Man kann auch nicht einwenden, daß es sich hierbei nicht um eine Materie des Glaubens handele. Denn wenn es sich auch nicht um eine Materie des Glaubens ex parte obiecti [von seiten des Gegenstands] handelt, so doch um eine Materie des Glaubens ex parte dicentis [von seiten des Aussagenden, sc. des inspirierten Verfassers der Schrift]. So wäre etwa Häretiker, wer sagte, Abraham habe nicht zwei Söhne und Jakob nicht zwölfe gehabt; ebenso, wer sagte, Christus sei nicht von einer Jungfrau geboren. Denn das eine wie das andere redet der Heilige Geist durch den Mund der Propheten und Apostel.
3. Ich stelle fest: Wenn es einen echten Beweis gäbe, daß die Sonne im Zentrum der Welt stehe und die Erde im dritten Himmel, und daß die Sonne nicht die Erde umrunde, sondern die Erde die Sonne – dann bedürfte es eines sehr bedachten Vorgehens, um die Schriften zu erklären, die dem entgegenzustehen scheinen; und zwar müßte man eher sagen, daß sie das nicht beabsichtigen, als für falsch zu erklären, was bewiesen ist. Doch werde ich nicht glauben, daß es einen solchen Beweis gibt, solange er mir nicht aufgezeigt wurde. Zu beweisen, daß unter der Voraussetzung, die Sonne stehe im Mittelpunkt und die Erde im Himmel, die Erscheinungen sich erklären ließen, das ist auch nicht dasselbe, als ob man bewiese, daß in Wahrheit die Sonne im Mittelpunkt stehe und die Erde im Himmel. Denn vom ersten Beweis meine ich, daß er möglicherweise vorliegen könnte; hinsichtlich des zweiten jedoch hege ich größte Zweifel, und im Falle des Zweifels darf man nicht von der Heiligen Schrift lassen, wie sie die heiligen Väter ausgelegt haben.
Ich füge noch an, daß jener, der da schrieb: „Oritur sol et occidit, et ad locum suum revertitur etc.“ [Die Sonne geht auf und geht unter und kehrt an ihren Ort zurück usw.], Salomo war, der nicht nur von Gott inspiriert sprach, sondern ein über alle andern hinaus weiser und in den menschlichen Wissenschaften und in der Erkenntnis der geschaffenen Dinge gelehrter Mann war; und all diese Weisheit hatte er von Gott. Daher ist es nicht wahrscheinlich, daß er etwas behauptete, was der bewiesenen oder beweisbaren Wahrheit entgegengesetzt wäre.
Und wenn Ihr mir sagen werdet, Salomo rede gemäß der Erscheinung, so daß es uns so scheine, daß die Sonne kreise, während ‹in Wahrheit› die Erde kreise – so wie dem, der vom Ufer ablegt, es scheint, als ob das Ufer sich vom Schiff entferne –, so erwidere ich, daß wer vom Ufer ablegt, wiewohl ihm scheint, daß das Ufer sich von ihm entferne, nichtsdestotrotz doch erkennt, daß das ein Irrtum ist und ihn korrigiert, denn er sieht klar, daß das Schiff sich bewegt und nicht das Ufer. Was aber Sonne und Erde betrifft, so gibt es keinen Weisen, der es nötig hätte, den Irrtum zu korrigieren, denn die Erfahrung lehrt ihn klar, daß die Erde fest steht und das Auge sich nicht täuscht, wenn es urteilt, daß die Sonne sich bewege, wie es sich auch nicht täuscht, wenn es urteilt, daß der Mond und die Sterne sich bewegen. Und dies genüge für jetzt.
Ich grüße Euch mit Liebe und erbitte Euch von Gott alle Zufriedenheit.
Rom, am 12. April 1615
Euer Hochwürden als Bruder
Kardinal Bellarmino.

Das oft kolportierte Zitat aus diesem Schreiben, wie wir es oben wiedergegeben hatten, ist also nicht korrekt. Bellarmin setzt keineswegs die Behauptung, die Erde drehe sich um die Sonne, mit seinen Beispielen ausdrücklicher Häresie gleich. Was er mit den Beispielen vielmehr bezweckt, ist die Widerlegung des Arguments, es handele sich nicht um eine Glaubensangelegenheit; und zwar deswegen betreffe es doch den Glauben, weil die Heilige Schrift für die Kosmologie relevante Aussagen enthalte.

Er verlangt zweierlei als Voraussetzung dafür, die heliozentrische Hypothese als gesichterte Wahrheit zu vertreten: den wissenschaftlichen Beweis und die plausible Auslegung der scheinbar entgegenstehenden Schriftstellen; er selbst hält das ausdrücklich für möglich, wenn auch nicht für wahrscheinlich. Die Begründung für diese Anforderung spricht der Kardinal ebenfalls klar aus: Wer anders verfährt, bezichtigt – gewollt oder nicht – die Heilige Schrift der Unwahrheit. Dies würde die Glaubwürdigkeit der Schrift generell mit Zweifeln belasten: ohne Frage eine schwere Gefahr für den Glauben – was, so können wir anfügen, die Geschichte bestätigt hat.

Dem Zeitgeist unterworfen

Dies erklärt die Motivation der Kirche, solche Schriften wie die Galileis auf dem Index zu setzen, die munter behaupteten, ohne beweisen zu können, und die die Autorität der Heiligen Schrift untergruben, anstatt sie in Einklang mit Wissenschaft und Glauben zugleich auszulegen. Keine Frage: Nur wer den Glauben der Kirche teilt, wird Bellarmins Haltung – die wir im übrigen mehr oder weniger als repräsentativ für die Kirche insgesamt ansehen dürfen – für weise halten.

Man wird aber auch als Gläubiger einräumen müssen, daß die Anwendung jener Regeln Bellarmins in der Praxis eben doch allzu oft zeitbedingten Ansichten und menschlichen Unzulänglichkeiten unterworfen ist. Schon an der vom Kardinal postulierten Einmütigkeit der Kirchenväter sind Zweifel möglich – ohne daß wir diese Frage hier vertiefen könnten. Es wurden später auch Schriften indiziert, die durchaus keine absoluten Behauptungen aufstellten.

Umgekehrt ist aber auch wieder die sogenannte Rehabilitierung Galileis durch Johannes Paul II. nichts anderes als ein Zugeständnis an die Forderungen des Zeitgeistes: Wenn etwa der Papst in seiner berühmten Ansprache vom 31. Oktober 1992 von der »experimentellen Methode« redete, die Galilei »genial eingeführt« habe, so offenbart er – oder sein Redenschreiber, sei es hier P. Georges Cottier gewesen oder Kardinal Poupard – eine bemerkenswerte Ignoranz der Wissenschaftsgeschichte. Abgesehen davon kann von einer Rehabilitierung im engeren Sinne nicht die Rede sein, da Galilei angesichts geänderter Zeitumstände bereits mehr als hundertfünfzig Jahre zuvor vom Index genommen worden war, gerade noch rechtzeitig vor Bessels Parallaxenmessung.

Nun könnte man es damit bewenden lassen, Galileis Verurteilung mit der Anwendung jener Regeln Bellarmins zu erklären. Oder man geht mit dem Zeitgeist einen Schritt weiter, erklärt das damalige Urteil für zeitgeistbedingt und Galilei zum braven, treuen Sohn der Kirche, der das Unglück hatte, mit einem widrigen Zeitgeist konfrontiert zu sein (so ungefähr die Argumentation des päpstlichen Historikers Walter Brandmüller, Galilei und die Kirche. Ein „Fall“ und seine Lösung, Aachen 1994).

Der Prozeß des Galileo

Doch je näher man die juristische „Sache Galilei“ betrachtet, desto merkwürdiger erscheint sie. Lassen wir den ersten Prozeß – den von 1616 – hier beiseite, denn er beinhaltet keine nennenswerten Besonderheiten. Galilei wurde ein partielles, thematisch begrenztes Veröffentlichungsverbot auferlegt, was dieser gezwungenermaßen akzeptierte. Dies behinderte aber, wie wir oben gesehen haben, keineswegs seine weiteren publizistischen Erfolge. 1620 feierte Kardinal Barberini ihn in einer langen Ode. 1630 verschaffte derselbe Maffeo Barberini, inzwischen unter dem Namen Urban VIII. Papst von Rom, seinem alten, bewunderten Freund die einträgliche Pfründe eines Pisaner Domherrn, und zwar zusätzlich zu den ohnehin schon fetten Einkünften unseres Star-Professors.

Papst Urban VIII.

Weshalb um alles in der Welt begann man angesichts dieses Stands der Dinge nur drei Jahre später, 1633, erneut einen Prozeß gegen Galilei? Nun, es lag offenbar (mindestens) eine Anzeige wegen des Dialogo sopra i due massimi sistemi vor. Zwar ist über deren Inhalt ebensowenig bekannt wie über den oder die Verfasser. Doch läßt sich einiges erschließen. So hat Pietro Redondi vor zwanzig Jahren in den Akten des Heiligen Offiziums eine anonyme Anzeige gegen Galileis Saggiatore von 1623 aufgefunden und die Handschrift des Autographen als diejenige Orazio Grassis identifiziert, jenes Astronomen vom päpstlichen Collegium Romanum, den Galilei im Saggiatore so verächtlich gemacht hatte (Pietro Redondi, Galilei eretico, Turin 1983).

Der Vorwurf gegen Galilei in dieser Anzeige besteht nicht etwa im Copernicanismus des Bezichtigten, sondern in seinem „Atomismus“ – was wir heute, wenngleich etwas vereinfachend, als Materialismus bezeichnen können. Solcher Atomismus jedenfalls war mit der kirchlichen Lehre über die Eucharistie nicht zu vereinbaren. Grassis anonyme Anzeige von 1623 hatte man an der Kurie noch ohne Skandal und mit Zustimmung Urbans VIII. niedergeschlagen.

Im Sommer 1632 jedoch hatte sich die Situation gewandelt. Das Problem des Atomismus war erneut virulent geworden, auch im Innern der Gesellschaft Jesu. Verschiedene Jesuiten wurden ordensintern gemaßregelt, wobei vermutlich Orazio Grassi eine maßgebliche Rolle spielte. Andererseits war der Papst als Vertreter der franzosenfreundlichen Partei unter erheblichen Druck des spanischen Flügels der Kurie geraten und konnte es sich keinesfalls leisten, dogmatische Blößen zu offenbaren.

Galilei, der Ketzer

Richtete sich die Anzeige – wohl noch aus dem Sommer oder Herbst 1632 – also gar nicht oder nicht primär gegen den Copernicanismus des Dialogo sopra i due massimi sistemi, sondern gegen den Atomismus? – Letzte Sicherheit läßt sich nicht gewinnen, doch spricht alles dafür. Die oben geschilderten und weitere Merkwürdigkeiten wären so zu erklären. Denn der Atomismus berührte den Kern des Glaubens. Der Prozeß hätte in ähnliche Richtung steuern können wie derjenige gegen Giordano Bruno, auch wenn den Galilei doch Welten vom esoterischen Hocus-Pocus eines Bruno trennten.

Eine Verurteilung Galileis hätte aber auch den Papst als dessen öffentlich bekannten Bewunderer und Förderer kompromittiert. Was also lag näher, als Galilei möglichst unauffällig aus dem Verkehr zu ziehen, ohne daß der Atomismus-Vorwurf zur Sprache kommen konnte? Und genau dies geschah. Der Fall wurde nicht nach dem ordentlichen Verfahren abgewickelt. Vielmehr zog Urban VIII. die Sache an sich und setzte zur Untersuchung eine Sonderkommission unter Vorsitz seines Neffen ein, des Kardinals Francesco Barberini. Die Kommission tagte in fünf geheimen Sitzungen, deren Inhalt nicht überliefert ist. Wir kennen lediglich das Resultat: die Anklage, aufgrund derer das Heilige Offizium Galilei ohne weitere Untersuchung verurteilte.

Gegenstand der Anklage war, was ohnehin offen zutage lag: die copernicanische Ausrichtung des Dialogo und somit die Verletzung der Auflagen von 1616 – im Kern also, juristisch betrachtet, trotz starker Worte eine eher disziplinarische Angelegenheit. Von Atomismus kein Wort. Entsprechend milde war das Urteil: ein luxuriöser Hausarrest. Der Verfasser der anonymen Anzeige von 1623 und vielleicht auch der Anzeige von 1632, P. Grassi, war kurz vor Prozeßbeginn sicherheitshalber nach Savona versetzt worden.

Galileo Galilei
Galilei, das Opfer?

Galilei also ein Opfer römischer Intrigen? – Teilweise gewiß, doch muß man solches Urteil relativieren. Erstens ging es dem „Opfer“ bis zum Schluß wirtschaftlich hervorragend. Man ging stets so milde mit ihm um, daß von einem Opfer kaum die Rede sein kann. Zweitens vertrat Galilei tatsächlich heterodoxe – nämlich atomistische – Ansichten, vielleicht ohne sich über die Konsequenzen klar zu sein, wurde dafür jedoch nie belangt. Drittens gab es offensichtlich Intrigen gegen ihn, jedoch hat er sich dies zu einem guten Teil selber zuzuschreiben, hatte er doch seinen hauptsächlichen Kontrahenten, Orazio Grassi, mehrfach wüst beschimpft und verleumdet – so etwa in der Kometendebatte –, obwohl er, Galilei, sachlich im Unrecht war.

Härter als die Prozesse traf Galilei das Schicksal, das ihn erblinden ließ. Das wäre es gewesen – wären nicht lang nach seinem Tode die Gegner der Kirche dahergekommen, ihn aufs Podest zu stellen und zum Märtyrer ihres eigenen Kampfes zu machen. Auf diesem Podest steht Galilei bis heute, und überall gilt das ungeschriebene Gesetz, daß, wer der Kirche angehört – bis hin zum Papst –, vor diesem Podest wie vor Geßlers Hut sich zu verneigen habe.

Wer freilich das Haupt vor solchen Götzen nicht neigt, der erkennt schnell, wie wenig Ähnlichkeit das zu verehrende Bild mit dem vermeintlich Dargestellten hat. Wer sich für die damaligen Koryphäen der Wissenschaft interessiert, der ist bei Tycho Brahe und Johannes Kepler besser bedient. Wer Märtyrer esoterischer Lehren sucht, der findet sie von Hypatia über Giordano Bruno bis Alfred Rosenberg. Galileo Galilei eignet sich weder für die eine, noch für die andere Rolle. Der Historiker allerdings, der sei herzlich eingeladen, im Archiv der römischen Glaubenskongregation nach möglicherweise noch unsortierten oder falsch abgelegten Akten über Galilei zu stöbern: Vielleicht findet sich ja doch noch einmal die Anzeige von 1632.

Robert Ketelhohn