Interview. Ein Gespräch mit P. Peter Gumpel SJ, dem Relator des Seligsprechungsprozesses für Pius XII.

Wer hat mehr Dank von jüdischer Seite erhalten?

Von Jens Mersch

Pater Peter Gumpel SJIn den letzten Wochen erschien die italienische Ausgabe von Cornwells Buch »Hitlers Papst«. Die italienischen Presse publizierte einige Artikel, die den Mangel an historischer Seriosität in John Cornwells Buch nochmals aufzeigten. Pater Peter Gumpel SJ, Relator im Seligsprechungsprozeß Eugenio Pacellis, gab der Kirchlichen Umschau ein Interview, um darin einige in Cornwells Buch enthaltenen Anschuldigungen zu erörtern. Pater Gumpel weist darauf hin, daß »berechtigte Entrüstung herrscht, weil Cornwell einfach ein regelrechtes Szenario gegen Pius XII. und das Papsttum als Institution konstruiert hat.« Die Diskussion, die vor gut einem Jahr mit der amerikanischen Erstauflage begonnen hat, ist zwar scheinbar abgeebbt, aber die falschen Anschuldigungen Cornwells werden von interessierter Seite immer wieder verbreitet. Wir treffen Pater Gumpel im Generalat des Jesuitenordens in Rom.

Kirchliche Umschau: Herr Pater Gumpel, ist Herr Cornwell ein ernstzunehmender Historiker?

Pater Peter Gumpel: Wie sorgfältig Herr Cornwell arbeitet, sieht man an dem Buchdeckel der Amerikanischen Erstausgabe von »Hitler’s Pope«. Dort sieht man Erzbischof Pacelli ein deutsches Regierungsgebäude verlassen, das von zwei Reichswehrsoldaten bewacht wird. Dieser offizielle Besuch des Nuntius hat sicher vor 1929 stattgefunden, also Jahre vor Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933.

Cornwells BuchDa Pacelli Deutschland 1929 verließ, ist die Benutzung dieser Photographie mehr als mißverständlich, sie ist tendenziös. Es ist ein schmutziger Trick, der Pacelli in ein schlechtes Licht stellen will. Wir haben schon öfters gegen diesen alten und schmutzigen Trick protestiert. Daß gerade Cornwell es wieder benutzt, zeigt seine Intention, den zukünftigen Papst herabzusetzen.

Am Anfang seines Buches gibt Cornwell eine Liste der vorgeblich von ihm benutzten Archive an. Diese Aufzählung ist für ein Werk mit einem so großen Anspruch recht dürftig. Wichtige Archive in Deutschland, Italien, den USA wurden nicht konsultiert, andere ignoriert, z. Bsp. die Akten des Nürnberger Prozesses. Auch die in der Liste angegebenen Archive wurden nicht vollständig erforscht oder benutzt. Die meisten Quellen, die Herr Cornwell angibt, gehören zur Sekundärliteratur. Und hier ist seine Erfassung der Tatsachen höchst selektiv und ungeheuer einseitig. Alles was gegen Pius XII geschrieben wurde, hat er benutzt, alles, was zur seiner Verteidigung geschrieben, hat er völlig unterschlagen. Für seine Darstellung der Situation der Kirche in Deutschland hat er nicht einmal das Standardwerk von Dr. Heinz Hürten benutzt, welches die am besten dokumentierte Darstellung über die Situation der deutschen Katholiken zwischen 1918 und 1945 ist. Andere Standardwerke wurden ebenso ignoriert.

Anstelle einer soliden Dokumentation finden wir nur Andeutungen, Annahmen und Unterstellungen. Wenn er über Konkordate spricht, bringt er kein Verständnis für ihre pastorale Bedeutung auf, sondern sieht sie nur als Mittel des Heiligen Stuhls zur eigenen Machtvergrößerung. Als ob der Papst nur Konkordate abschließt, um eigene Bischofskandidaten durchzusetzen.

Es gibt keinerlei Erwähnung der Mißbräuche des Josephinismus in Österreich, welcher auch in Bayern eine große Bedeutung erlangte. Auch wird die Gefahr des Modernismus minimalisiert. Cornwell wird immer vorgestellt, als sei er der Chef des Research Center von Cambridge. Dabei ist er nicht einmal Doktor der Geschichte. Er hat nach meiner Information einige Vorlesungen gehalten über das Verhältnis von Philosophie und Naturwissenschaften. Herr Cornwell ist publizistisch eher mit einem Kriminalroman aufgefallen.

Kirchliche Umschau: Cornwell gibt an, sein Buch sei das Ergebnis monatelanger Arbeit in den Archiven des Staatssekretariats. Außerdem versichert er, der erste und einzige zu sein, der diese Archive benutzt habe.

Pater Peter Gumpel: Das stimmt alles nicht. Das Staatssekretariat hat mir gegenüber persönlich bestätigt, daß Cornwell Mitte Mai 1997 die Erlaubnis erhielt, das Archiv der Sektion »Beziehungen zu Staaten« zu benutzen. Dort arbeitete er etwa drei Wochen lang. Das Thema seiner Untersuchung waren die Beziehungen zu Bayern (1918-21), Österreich, Serbien und Belgrad (1913-1915). Es ist offensichtlich, daß er keinen Zutritt zu dem nicht geöffneten Zeitraum hatte, das heißt ab 1922. Cornwell schreibt, er habe monatelang geforscht. Tatsächlich war er nur drei Wochen (!) dort und sammelte Informationen, die er am Ende nur tendenziös benützte. Marcel Chappin, Professor für Geschichte an der Universität Gregoriana und Archivar des Staatssekretariats, hat mir auch mitgeteilt, daß Cornwell weder der erste noch der einzige ist, der die Archive jener Jahre benutzt hat, die natürlich lange vor dem Pontifikat Pius XII liegen. Es stimmt, daß der Benutzerausweis der Archive für Cornwell die Nummer 1 hat, das liegt aber daran, daß in jüngerer Zeit das Format der Benutzerausweise verändert worden ist und er den ersten aus der neuen Serie erhalten hat.

Kirchliche Umschau: Cornwell behauptet in einem Interview, ein Dokument aus dem Jahr 1919 beweise den Antisemitismus Pius XII

Pater Peter Gumpel: Hier, in meinen Händen habe ich die Kopie des Originals jenes Dokuments. Cornwell zitiert in feindseliger Weise einige Zeilen des Briefes, der sechs Seiten umfaßt. In diesem Dokument steht nichts gegen die Juden. Das Einzige was es sagt ist, daß Levien (Kommunistenführer in München) und seine Geliebte Juden waren. Es handelte sich einfach um eine Feststellung in einem Dokument informativer Natur. Sie waren genau so Juden wie sie hätten Christen sein können. Außerdem wußte jedermann damals, daß die kommunistische Führungsschicht sich aus atheistischen Juden zusammensetzte, die jede Form von Religion verfolgten, auch die der Juden. Diesen Text als Beweis für Pacellis Antisemitismus anzuführen, ist in meinen Augen eine Entstellung, die von einer voreingenommenen und tendenziösen Analyse herrührt. Überdies wurde der Text dieses Briefes, den Cornwell als einen allein von ihm entdeckten Text präsentiert, in Italien schon 1992 in einem Buch von Frau Professor Emma Fattorini unter dem Titel »Deutschland und der Heilige Stuhl: Pacellis Nuntiatur zwischen dem Großen Krieg und der Weimarer Republik« beim Verlag »Società Editrice Il Mulino« veröffentlicht. Cornwell hat nichts neues entdeckt, er hat nur schon veröffentlichte Dokumente kopiert und entstellt. Der Großteil seiner Quellen sind sekundärer Natur und ihre Auswahl ist äußerst tendenziös.

Kirchliche Umschau: Einer der gebetsmühlenartig wiederholten Vorwürfe ist die Behauptung einer »Förderung« des Nationalsozialismus durch Pacelli.

Pater Peter Gumpel: Als Nuntius in Deutschland, als Staatssekretär und später als Papst hat Pius XII stets Hitler und die Nationalsozialisten als die schlimmste Gefahr für Deutschland und die Welt herausgestellt. Cornwell stellt Pacellis Verurteilungen des Nationalsozialismus, die dieser in Lourdes, Lisieux, Paris und Budapest aussprach, wo er päpstlicher Legat war, als geringfügig dar, beziehungsweise, was wichtiger ist, er unterschlägt sie zum Teil ganz. Als Pacelli zum Papst gewählt war, sah die »Berliner Morgenpost«, das Organ der nationalsozialistischen Bewegung, in ihm einen Feind Deutschlands. Seine Abneigung für den Nationalsozialismus war so gut bekannt, daß die Wochenschrift der Kommunistischen Internationalen, »La Correspondance Internationale« schrieb, »daß die Kardinäle, indem sie Pacelli in die Nachfolge beriefen, eine demonstrative Geste setzten. Denn Pacelli war derjenige, der energischen Widerstand gegen die totalitären, auf die Beseitigung der katholischen Kirche gerichteten Ideen der Faschisten an den Tag legte und der Pius XI. engster Mitarbeiter war. Damit setzten sie einen Vertreter der katholischen Widerstandsbewegung als Haupt der Kirche ein.« Ganz zu schweigen von der gegen die Nationalsozialisten geschriebenen Enzyklika »Mit Brennender Sorge«. Es genügt, die Entwürfe zu lesen, nicht nur um zu bekräftigen, daß Pacelli einer der Autoren war, sondern auch (um festzustellen) daß der Originaltext Hinzufügungen in seiner eigenen Handschrift enthält.

Warum werden nicht die Berichte der Gestapo gegen die katholische Kirche den Lesern bekanntgemacht. Warum zitiert man nicht die zeitgenössischen Zeitungsartikel aus den USA, aus England, Frankreich und den Niederlanden, die über den Widerstand Pius XII gegen die Nationalsozialisten berichteten. In den kürzlich vom britischen Außenministerium geöffneten Archiven kann man lesen, daß Pius XII in Kontakt mit den deutschen Generälen stand, die Hitler stürzen wollten. Tatsächlich war es Pacelli, der den Vorschlag der deutschen Generäle, die dem nationalsozialistischen Regime ein Ende bereiten wollten, nach London übermittelte. Ich möchte auf das verschwiegene Zeugnis von Dr. Robert Kempner (USA), ehemals stellv. Chefankläger beim Nürnberger Prozeß, hinweisen, der sich mit Kriegsverbrechen befaßte. Nachdem er die Dokumente der Geheimdienste und Hitlers Außenministeriums studiert hatte, zeigte Kempner, daß Pius XII und die Katholische Kirche eine große Anzahl von Protesten sowohl direkt und indirekt, auf diplomatischem Weg und öffentlich, geheim und offen vorgebracht hatten, auf die von den Nationalsozialisten nie geantwortet worden ist. Kempner verteidigte eindrucksvoll die Rolle und den Einsatz Pius XII zum Wohl der Menschen.

Kirchliche Umschau: Der Vorwurf steht im Raum: »Pius XII war ein Antisemit!« (eine Behauptung, die auch gegen den seligen Pius IX. erhoben wurde).

Papst Pius XII.Pater Peter Gumpel: Pius XII war so antisemitisch, daß die mit höchster Vollmacht ausgestatteten und wichtigsten Führungspersönlichkeiten der jüdischen Gemeinde und des Staates ihm öffentlich für alles dankten, was er unternommen hatte, um jene zu schützen, die verfolgt waren. Ich möchte allen empfehlen, die mir nicht glauben, den neunten und den zehnten Band der »Akten und Dokumente des Heiligen Stuhls, die sich auf den Zweiten Weltkrieg beziehen« zu lesen, wo viele Zeugnisse von Juden zu finden sind, die dank der Rolle des Papstes Pacelli vor Verfolgung gerettet wurden. Im Jahr 1997 ist auch das Buch von Pater Blet SJ »Pius XII und der II. Weltkrieg« erschienen, das jetzt auch in verschiedenen Übersetzungen vorliegt, was man kennen sollte, wenn man sich über dieses Thema ausläßt. Die deutsche Ausgabe erschien erst vor wenigen Wochen auf dem Buchmarkt.

Ich behaupte, daß es keine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens in der Welt gibt, die so viele Erweise der Dankbarkeit und Anerkennung von der jüdischen Gemeinde erhalten hat wie Pius XII.

Kirchliche Umschau: Können Sie – um ein Beispiel zu geben – etwas über das Problem des »Serbischen Konkordates« sagen, das gegen Pius XII instrumentalisiert wird?

Pater Peter Gumpel: Der 1913/1914 noch in untergeordneter Stelle im Staatssekretariat tätige Pacelli – er wurde ja erst 1917 Erzbischof und Apostolischer Nuntius – arbeitete als Pro-Sekretär in der Sektion für die Beziehungen des Vatikans mit den Staaten. Er bearbeitete dort die Frage eines Konkordates mit Serbien. Die Hintergründe sind folgende. Nach den Balkankriegen in den Jahren 1912/13 – die Türken wurden geschlagen – kam es zu einer neuen geopolitischen und politischen Situation auf dem ganzen Balkan. Vorher gab es im serbischen Königreich nur etwa 7.000 Katholiken. Jetzt kamen zigtausende Katholiken unter serbische Oberhoheit. Wir wissen ja aus der traurigen jüngsten Geschichte, daß es zwischen den orthodoxen und römisch-katholischen Christen immer Spannungen gab. In diesem Augenblick bietet Serbien dem Heiligen Stuhl ein Konkordat an, in dem der innere Frieden in Serbien garantiert werden soll. Die Rechte der römisch-katholischen Kirche sollten auf einem internationalen Niveau gesichert werden. Es ging dabei um den inneren Frieden in Serbien. Der Vatikan hat noch nie Verhandlungen über ein Konkordat abgelehnt.

Kirchliche Umschau: Sogar mit der Sowjet-Union sollte später ein Konkordat abgeschlossen werden.

Pater Peter Gumpel: Pius XI. hat einmal gesagt, er würde ein Konkordat mit der UdSSR nicht a priori abweisen und – natürlich scherzhaft – hinzugefügt, er würde auch ein Konkordat mit dem Teufel schließen. Im übrigen wird das Konkordat nicht abgeschlossen zwischen Pacelli, der noch eine sehr untergeordnete Stellung hat, sondern zwischen Pius X. und dem serbischen König.

Das Konkordat ist für die Katholiken vorteilhaft. Es schützt die freie Ausübung ihres Glaubens. Die Frage war nur, wie Österreich auf die Frage reagiert. Das k.u.k. Imperium hatte ein Protektorat über die Katholiken in Serbien. Protektorate waren damals gang und gäbe. Die französische Regierung übte eines aus im Nahen Osten. Die Engländer hatten einige Protektorate in Afrika und in Palästina nach dem ersten Weltkrieg. Cornwell beruft sich auf zwei sozialistische und gegen die damalige österreichische Regierung eingestellte Zeitungen – eine hieß »Der Arbeiter« –, und behauptet es wäre eine Schande, daß das Konkordat am 24. Juni 1914 unterzeichnet worden sei. Das hätte in Österreich eine große Empörung gegen Serbien hervorgerufen und das Ansehen der österreichischen Regierung sei dadurch verloren gegangen. Dabei nutzten die Sozialisten jede Gelegenheit, um die österreichische Regierung anzugreifen.

Dabei hat Cornwell am 16. Mai 1997 den Faszikel 454 im Archiv des Vatikans eingesehen. In diesem Faszikel ist eine Erklärung der österreichischen Regierung, in der sie gegen die sozialistischen Angriffe Stellung nimmt. Sie zeigt sich informiert und erfreut, daß die Katholiken in Serbien nun durch einen internationalen Vertrag geschützt seien. Das wird von Cornwell unterschlagen, obwohl er es nachweislich gesehen hat. Was soll man als Fachgeschichtler davon halten?

Kirchliche Umschau: Vor einem wenig informierten Publikum wird das »Konkordat mit Nazi-Deutschland« als eine Unterstützungsleistung für Hitler beschrieben.

Pater Peter Gumpel: Was das Reichskonkordat vom 20. Juli 1933 mit Deutschland betrifft, so behauptet Cornwell, daß es von Pacelli erbeten wurde. Die Sache war ganz anders. Das Konkordat wurde am 15. April 1933 von Hitler angeboten und sowohl Pius XI. als auch Pacelli waren sehr unglücklich darüber. Schon vor der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 sind Katholiken angegriffen worden. Bischöfe hatten wiederholt Katholiken gewarnt, die Nationalsozialisten zu wählen, weil sie Ideen vertreten, die nicht mit der Lehre der Kirche übereinstimmen. Dr. Heinz Hürten hat nachgewiesen, daß bei den Wahlen max. 15% der Katholiken für ihn gestimmt haben. Dann kommt Hitler an die Macht, und zwar legitim.

Man muß sich vorher immer die Frage stellen, wie es möglich war, daß bei einem hochzivilisierten Volk, wie dem Deutschen, Hitler an die Macht kam. Gerade die jüngere Generation hat – so ist es mein Eindruck – davon überhaupt keine Ahnung.

Ich bin im Jahre 1923 geboren und habe schon als kleiner Junge auf dem Weg zur Volksschule hunderte von Arbeitslosen gesehen. Die reine Tatsache, daß ich anständig gekleidet war, erregte so ihr Mißfallen, daß ich mehrfach von ihnen stark belästigt wurde. Der Friede von Versailles, der diktiert wurde – was von vielen Historikern zugegeben wird – und den Samen eines neuen Krieges in sich trug, steht im Hintergrund, ebenso die Abtrennung Ostpreußens. Denken sie an die Frage der riesigen Reparationen, an die mächtige Inflation. Deutschland erholt sich zwar langsam, aber der Börsenkrach 1929 in New York – mit Folgen in der ganzen Welt – trifft vor allem Deutschland. Hunderte von Banken und Unternehmen gingen Bankrott. 1932 klettert die Zahl der Arbeitslosen auf 6 Millionen. Die Auswirkungen betreffen weit mehr Menschen als man auf den ersten Blick meint, nämlich die Familien und Kinder, ältere Menschen. In solchen Situationen gibt es immer Gelegenheiten für Extremisten. Das verwirklichte sich.

Laufend wechselnde Regierungen, es gab ständig neue Wahlen, Straßenschlachten zwischen den große Parteien, den Kommunisten und den Rechtsradikalen. In dieser Situation war die Reaktion der Bevölkerung: Wir wissen, was die Kommunisten sind. 1917 war ja die Oktoberrevolution. 1932/33 war bekannt, was die Bolschewisten getan haben. Es war zudem auch bekannt, was die Kommunisten in Deutschland versucht haben, durch Errichtung von Sowjetrepubliken in Bayern, Berlin und im Rheinland. In Berlin Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, in München Levien und Eisler. Die Bevölkerung neigt eher nach rechts als nach links. Hitler machte große Versprechungen, so daß er die Fesseln des Versailler Vertrages lösen wollte, was auf viele einen großen Eindruck gemacht hat.

Hitler ist an die Macht gekommen ohne die 50%-Mehrheit. Er hatte die stärkste Partei, aber nicht die absolute Mehrheit. Hindenburg hat am 30. Januar 1933 ihn zum Kanzler bestellt. Am 2. Februar hält Hitler eine Rede, indem er versichert, daß er die beiden Konfessionen schützen wird.

Eine weitere Tatsache: am 27. Februar 1933 hat der Reichstagsbrand stattgefunden. Brandstiftung ist sicher. Zweifelhaft ist, wer es war. Damals wurde weitgehend behauptet, daß Hitler es angeordnet hätte. Man hat im Gebäude einen etwas schwachsinnigen Kommunisten gefunden, einen gewissen Lubbers, der aus einem Dorf stammt, das ich selbst besucht habe. Er hatte einen sehr tiefen Intelligenzquotienten. Dieser Lubbers wurde verantwortlich gemacht.

Am 29. Februar, zwei Tage nach dem Brand, hat Hindenburg, sich auf den Notstandsparagraphen der Weimarer Verfassung berufend und eine Revolution fürchtend, die Verfassung außer Kraft gesetzt. Warum ein solcher Paragraph eingeführt wurde, ist durch die großen Unruhen nach dem ersten Weltkrieg zu erklären. Unter dem Eindruck der chaotischen Zustände haben die Väter der Weimarer Verfassung einen Artikel eingefügt, daß, wenn solche Notsituationen entstehen, der Reichspräsident das verfassungsmäßige Recht hat, weitgehend durch Dekrete zu regieren und die Ordnung wiederherzustellen. Das haben auch vor Hitler schon Reichsregierungen gemacht, d.h. mit Präsidential-Dekret regiert. Das wird am 29.Februar ebenso erreicht und Hitler bekommt unbeschränkte Vollmachten.

Er verbietet die Kommunisten und setzt Gegner gefangen. Unter anderem werden tausende SA-Leute zu Hilfspolizisten ernannt. Viele kommen in Lager und Gefängnisse. Am 5. März 1933 muß das Parlament neu gewählt werden. Hitler erklärt wieder über alle Reichssender, er werde die beiden Konfessionen schützen, natürlich in der Absicht, die Katholiken für sich einzunehmen. Erfolge waren mager. Auch jetzt bekommt er keine 50%-Mehrheit. Im neuen Kabinett sind nur drei Nazis vertreten. Göring ist Parlamentspräsident. Im März 1933, nach den Wahlen, versucht Hitler seine von Hindenburg empfangenen Vollmachten, die ja jederzeit widerrufen werden konnten, sich durch das Parlament geben zu lassen: Das sogenannte Ermächtigungsgesetz. Es gibt wegen des Verbotes der Kommunisten nur zwei Parteien, die skeptisch sind, die Sozialdemokraten und das Zentrum. Das Zentrum hatte also, nachdem Hitler ja schon de facto seine Macht unbegrenzt ausbauen konnte, zwei Erklärungen des Reichskanzlers, daß er die Kirchen schützen wolle. Sie vertrauen der Sache nicht. Sie fordern in einer schriftlichen Eingabe, daß im Parlament dieses wiederholt werden soll und die Verfolgungen, die bereits eingetreten waren, eingestellt werden. Wenn nämlich die Bischöfe gegen die Übergriffe untergeordneter nationalsozialistischer Kreise protestierten, sagte Hitler, das sei nicht von ihm zu verantworten, sondern von unteren Instanzen, die er noch nicht ganz im Griff hätte. Hitler macht diese Erklärung am 23. März 1933. Daher stimmt das Zentrum einstimmig für das Ermächtigungsgesetz. Der ehemalige Zentrums-Kanzler Brüning hatte sich ursprünglich widersetzt, aber dann doch dafür gestimmt.

Kirchliche Umschau: Kann sich Cornwell nicht auf die »Memoiren« von Brüning berufen?

Eugenio Pacelli als Nuntius in MünchenPater Peter Gumpel: Cornwell beruft sich wiederholt auf Brüning und seine Memoiren. Die Memoiren sind bis auf den heutigen Tag äußerst umstritten. Sie wurden erst posthum veröffentlicht. Es ist erwiesen, daß einiges ausgelassen wurde. Sicher ist, daß Brüning, der von 1930-1932 Reichskanzler war, es nie verwunden hat, daß er – teilweise auch durch Mitwirkung des Zentrums – gestürzt wurde. Brüning war sicher ein ehrlicher Mann, der aus der katholischen Arbeiterbewegung kam. Er war sehr sozial eingestellt. Wir finden leider einen pathologischen Haß gegen Prälat Kaas, den damaligen Vorsitzenden des Zentrums. Da Kaas bei den Konkordatsverhandlungen mit Pacelli verbunden war, hat er diese Abneigung auf Pacelli übertragen. Als Reichskanzler hat er eine Unterredung bei Pius XI. erbeten. Es muß dort wohl zu einem Zusammenstoß zwischen ihm und Staatssekretär Pacelli gekommen sein. Wir wissen aber, daß Brüning nervlich sehr angespannt und überarbeitet war, darüber liegen Berichte vor, als er in diese Besprechung ging. Die wissenschaftlich-objektive Sicht der Memoiren Brünings ist stark in Zweifel zu ziehen. Das ist in der Fachliteratur immer wieder gesagt worden, aber für Cornwell existiert das einfach nicht.

Kirchliche Umschau: Gab es keine Einflußnahme Pacellis auf den »politischen Katholizismus«?

Pater Peter Gumpel: Die Behauptung, daß das Zentrum von Pacelli beeinflußt worden ist, muß man als völlig abwegig bezeichnen. Dies ist eindeutig widerlegt worden durch einen Artikel in deutscher Sprache von Pater Leiber SJ, den ich übrigens noch persönlich Herrn Cornwell gegeben habe. Der Artikel heißt »Reichskonkordat und Ende der Zentrumspartei«. Hier wird gezeigt, daß es keinen römischen Einfluß auf die Auflösung der Zentrumspartei gab, im Gegenteil, daß Pacelli sehr verärgert war, daß das Zentrum sich auflöste, bevor es zu dem Konkordat gekommen war. Die Aussage, daß Pacelli das Konkordat gewollt hat, ist eine reine Geschichtsfälschung. Es stimmt, daß Pacelli als Nuntius in Bayern das Konkordat abgeschlossen hat, 1929 sogar eines mit Preußen, als Staatssekretär 1932 das Konkordat mit Baden. Es wurde natürlich versucht ein Reichskonkordat zu bekommen. Dies stieß aber bis 1933 immer auf eine ablehnende Mehrheit im Reichstag. Die Konkordate mußten neu gemacht werden, weil die früheren Konkordate nicht mit den Parlamenten abgeschlossen waren, sondern mit den Königen. Es gab die »Konvention« mit dem preußischen König – also kein Konkordat – aus dem Jahre 1825.

Cornwell hat m. E. nicht die föderale Struktur und die hohe Autonomie der Bundesstaaten im deutschen Reich verstanden, die ja eigene Parlamente, eigene Ministerpräsidenten usw. hatten. Gegen das Reichskonkordat sprachen die Kommunisten, aber auch große Teile der Sozialdemokraten, der Liberalen und Deutschnationalen.

Kirchliche Umschau: Gab es keine Bemühungen von Seiten des Staatssekretariats für ein Reichskonkordat?

Pater Peter Gumpel: Bestrebungen zu einem Reichskonkordat von Seiten des Vatikan waren da, aber schon zur Zeit einer demokratischen Regierung. Warum sollte also ein Konkordatsangebot 1933 abgelehnt werden. Stellen wir uns einmal vor, was passiert wäre, wenn Rom das Konkordat abgelehnt hätte. Besonders bei den großen Spannungen zwischen Kirche und Nazi-Bewegung, vor allem auf den unteren Ebenen.

Kirchliche Umschau: Hatte das Konkordat keine »Eisbrecher«-Funktion. in der Haltung der Staaten gegenüber der neuen deutschen Regierung?

Pater Peter Gumpel: Cornwell konstruiert es so, daß Pacelli mit dem ersten internationalen Vertrag, den Hitler geschlossen hat, den Nazis außenpolitisch den Weg geebnet habe. Cornwell verschweigt, daß es keinesweg der erste internationale Vertrag war. Vorher war das sogenannte VierMächte-Abkommen unterzeichnet worden, zwischen England, Frankreich, Italien und Deutschland. Die erste Macht, die mit Hitler einen Vertrag schloß, war nicht der Vatikan, sondern die Hauptmächte Europas.

Kirchliche Umschau: War Pacelli davon überzeugt, daß Hitler sich an das Konkordat halten werde?

Pater Peter Gumpel: Die Paraphrasierung des Konkordates fand am 20. Juli 1933 statt. Im August empfängt der Cardinalstaatssekretär einen englischen Diplomaten, der ihn fragt, ob Hitler das Konkordat halten werde. Seine Antwort: »Sicher nicht«. Darauf fragte dieser Diplomat, ob Hitler, der zwar ein Demagoge sei, sich nicht durch die erlangte Macht mäßigen werde. Pacellis Antwort: »Ich sehe keinen Grund für einen solchen falschen Optimismus. Ich kann nur hoffen, daß Hitler nicht alle Klauseln des Konkordates gleichzeitig bricht«.

Kirchliche Umschau: War das Konkordat nicht Schuld am Untergang des sogenannten »politischen Katholizismus«?

Pater Peter Gumpel: Von Pius XI. ist die Idee der »Katholischen Aktion« umgesetzt worden. Politik ist eine Angelegenheit der Laien. Priester müssen erklären, was die Aufgabe der Kirche ist, Politik machen müssen die Laien. Wenn Cornwell behauptet, daß den Katholiken durch das Konkordat politische Arbeit verboten wurde, ist das einfach falsch. Das Konkordat verbietet in § 32 nur Priestern und Ordensleuten Mitgliedschaft in politischen Parteien und aktive Parteipolitik. § 31 unterschlägt Cornwell vollständig. Dieser sichert den Katholiken religiöse, karitative und kulturelle Assoziation zu, aber auch soziale und berufsständische Organisationen, also Arbeiterverbände, Kolping usw. Einfach zu behaupten, daß Katholiken politische Arbeit durch den Vatikan verboten wurde, ist falsch. Das ist – einfach gesagt – eine Geschichtsfälschung. Cornwell hatte die Sammlung von Verträgen Deutschlands mit den Kirchen und dem Judentum, also auch mit dem Reichskonkordat, bekommen. Wenn er des Deutschen nicht so mächtig war, gab es auch eine englische Ausgabe des Reichskonkordates.

Kirchliche Umschau: War die vatikanische Politik nicht zu deutschfreundlich?

Pater Peter Gumpel: So werden die Friedensbemühungen Pacellis falsch gedeutet. Es ist für uns Deutsche nicht einfach zu sagen. Aber es ist so, daß die polnische Regierung eine so intransingente politische Haltung eingenommen hat. Dies wurde auch in England und in Frankreich schwerlich verstanden. Es gab die politische Meinung, daß man einem Staat mit 60 Millionen Einwohnern nicht auferlegen kann, daß er zwei getrennte Teile haben soll. Der polnische Korridor war verständlich, wegen des Zuganges Polens zur See. Daß aber ganz Ostpreußen abgeschnitten wurde, konnte auf Dauer nicht gutgehen. Aber nicht einmal eine Autobahn konnte gebaut werden. Hitler hätte auf jeden Fall Polen angegriffen.

In Deutschland haben sehr viele Menschen wirklich geglaubt, daß Polen mit dem Krieg begonnen hat. Der Reichssender Gleiwitz wurde von in polnische Uniformen gesteckten Häftlingen überfallen. Deutschland unterlag ja der Göbbelschen Propaganda. Ausländische Zeitungen durften nicht importiert werden. Das Hören ausländischer Sender wurde ja sogar mit der Todesstrafe bedroht. Das muß man mit in Betracht ziehen. Im Jahr 1926 wurden im deutschen Generalstab, der – da eigentlich verboten – Truppenamt, hieß, Überlegungen angestellt, was man tun würde, wenn, wie befürchtet, die Polen Schlesien angreifen würden. Es wurde beschlossen sich zu wehren, mit der damaligen Armee von 100.000 Mann, die keine Luftwaffe und keine schweren Waffen hatte. Der Vatikan hat alles versucht, die Polen zu mäßigen. Das Papst hat den Begriff der »Überparteilichkeit« benutzt. Während des Krieges wurde er unter Druck gesetzt. Hitler wollte ihn dazu bringen, einen Kreuzzug gegen den gottlosen Kommunismus auszurufen.

Kirchliche Umschau: Es muß die Frage nach dem »Schweigen Pius XII«, nachdem der Papst geworden war, gestellt werden.

Pater Peter Gumpel: Hätte der Papst mehr erreicht durch einen lauten Protest, als durch zahlreichen diplomatischen Schritte? Ich persönlich glaube, daß dies vollkommen sinnlos gewesen wäre. Es ist sehr interessant. Im Oktober 1943, also schon nach Stalingrad, als sich die alliierten Außenminister zwischen dem 18. und dem 30. in Moskau treffen, veröffentlichen sie eine Liste mit Kriegsverbrechen der Deutschen, verwenden aber mit keinem Wort den Begriff »Jude«: Die Holländische Exilregierung hatte ein Veto eingelegt, um die Juden nicht der Nazi-Rache auszuliefern.

Wenn Cornwell Pacelli vorwirft, er hätte nicht das Wort »Jude« gebraucht, ist das abwegig. Auch die Alliierten haben es nicht getan. Öffentliche Proteste hätten ja auch nach der Meinung des roten Kreuzes und des Weltrates der Kirchen, beide mit Sitz in der neutralen Schweiz, keinen Sinn gehabt. Im übrigen wirkte der Begriff »Jude« auf Hitler wie ein rotes Tuch.

Nach vielen vergeblichen Versuchen gelang es dem Nachfolger von Pacelli als Nuntius, Cesare Orsenigo, endlich ein persönliches Gespräch mit Hitler zu führen, nämlich in Berchtesgaden. Hitler vermied jeden Kontakt mit dem Nuntius. Das Gespräch verlief zu Beginn ziemlich ruhig, dann aber bringt Orsenigo – auf Weisung Pacellis – das Gespräch auf die mißliche Lage der Polen. Hitler springt auf, dreht seinem Gesprächspartner den Rücken zu und fängt an, mit den Fingern an eine Fensterscheibe zu tippen. Daraufhin wechselt der Nuntius – auf Weisung des Cardinalstaatssekretärs – zum Thema der Juden. Hitler rennt zu einem Tisch, nimmt ein Glas und schmeißt es zu Boden. Belegt ist die Begebenheit in einem 1997 erschienen Buch über Orsenigo (Archivio Ambrosiano, 1997, 1. Ausgabe). Cornwell konnte es hier einsehen.

Kirchliche Umschau: Warum hat Pius XII die verfolgten Juden in seiner Weihnachtsansprache 1942 nicht erwähnt?

Pater Peter Gumpel: Wenn Pius XII im Jahre 1942 in der Weihnachtsansprache über das Radio sagte, es wäre ein großes Unrecht, wenn hunderttausende Personen nur wegen ihrer Nationalität oder ihrer Rasse verfolgt oder sogar zur Tode gebracht würden, dann hat das jeder verstanden.

Cornwell macht sich darüber lustig und sagt, Pius XII hätte das besser unterlassen. 1942 war ich 19 Jahre alt und wir haben das verstanden. Wir hatten in Europa ja keine Rothäute oder Chinesen. Das wurde auch von den Alliierten verstanden.

Kirchliche Umschau: Am 20.Januar 1942 wird die Endlösung beschlossen, in der Wannseekonferenz.

Pater Peter Gumpel: Im März 1942 berichtet ein gewisser Riegner dem Nuntius in der Schweiz mit konkreten Zahlen über die Judendeportationen. Man wußte, daß eine große Zahl von Juden »nach Osten« deportiert wurde, aber sogar die amerikanische Regierung fragte Ende 1942 im Vatikan an, ob er diese Zahlen bestätigen könnte. Sie glaubte es auch nicht. In der Geschichte ist es immer so, wenn Leute sich nicht in die Situation hineindenken, in der damals Menschen gelebt haben. Kein Mensch wußte damals etwas Genaueres, auch die Amerikaner nicht, geschweige denn von 6 Millionen Juden, die vernichtet werden sollten.

Dazu gibt es eine hochinteressante Zeugenaussage im kanonischen Prozeß über Pius XII von Cardinal Wyszinsky. Er wurde gefragt: »Was wußten Sie damals, was im Ghetto oder im Konzentrationslager geschah?« Er erklärte unter Eid: »Es gingen Gerüchte, aber die haben wir einfach nicht geglaubt. Erst nach dem Krieg haben wir die Wahrheit erfahren.«

Kirchliche Umschau: Könnten Sie noch andere Hintergründe über das Verhalten Pacellis im Krieg aufzeigen?

Pater Peter Gumpel: Zwei Punkte würde ich noch gerne nennen. Der erste ist ein Sachverhalt von Anfang 1940, der mit Generaloberst Beck zu tun hat. Beck war Chef des deutschen Generalstabes. Ein hochqualifizierter Mann, den Pacelli aus seiner Zeit als Nuntius kannte. Beck bekam von Hitler den Auftrag, den Angriff gegen die Tschechoslowakei und gegen Polen vorzubereiten. Er hatte es begriffen, daß Hitler ein Vabanque-Spiel machte. Er war davon überzeugt, daß dies zu einem Weltkrieg und zum Untergang Deutschlands führen könnte. Er war im steigenden Maße davon überzeugt, daß Hitler ein Verbrecher war. Er nahm seinen Abschied. Er wurde zum Generaloberst »befördert«. Er war über das, was im Krieg geschah so empört, daß er die englische Regierung fragen ließ, ob sie bereit wäre, wenn Hitler gestürzt würde, mit Deutschland Frieden zu schließen. Wie kann eine solche Botschaft der englischen Regierung zugeleitet werden?

Sie bedienten sich eines Offiziers der Abwehr, die damals von Canaris geleitet wurde, einem Rechtsanwalt Dr. Joseph Müller, der später Staatsminister in Bayern wurde und unter dem Spitznamen Ochsensepp bekannt wurde. Der hatte Gelegenheit als Offizier der Abwehr nach Italien zu kommen. Er hat Kontakt mit Pater Leiber, der de facto Sekretär Pius XII war. Müller hat Leiber diese Botschaft zukommen lassen. Pius XII hat diese an die Botschaft Englands weitergegeben.

England war skeptisch, denn ein ähnlicher Fall hatte in Holland zum Verlust des dortigen Spionagehauptes geführt. England wollte wissen, wer diese Leute sind, die den Vorschlag übermitteln. Der Papst hat mitgeteilt, daß er die Namen, um diese zu schützen, nicht mitteilen könne. Er könne aber persönlich für die Ehrlichkeit eintreten. England ist nicht darauf eingegangen, aus vielfältigen Gründen. Kann man von einem Papst, der sich auf eine solche Kombination eingelassen hat, wirklich vom Papst Hitlers sprechen?

Kirchliche Umschau: Sie wollten noch einen zweiten Punkt nennen.

Pater Peter Gumpel: Cornwell nennt eine weitere Sache nicht. Als am 22. Juni 1941 Hitler Rußland angreift, werden unerwarteterweise Stalin und USA Verbündete. Das erzeugt bei Katholiken große Gewissensbeschwerden.

Kurze Zeit nach »Mit brennender Sorge« hat Pius XI. auch eine Enzyklika gegen des Kommunismus geschrieben. Hier wird den Katholiken nicht nur die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei verboten, sondern auch alles, was die Sowjets begünstigen könnte. Jetzt arbeiten aber hunderttausende Katholiken in amerikanischen Rüstungsbetrieben. Damit stärken sie die Macht der Sowjets. In dieser Situation wendet sich Roosevelt mit der Bitte an den Papst, er möge hier helfen. Pacelli tut dies, aber nicht durch eine öffentliche Erklärung, sondern er befiehlt dem vatikanischen Delegaten in Washington, Erzbischof Ciccogniani, er solle einen hochangesehenen nordamerikanischen Bischof bitten, folgende Erklärung zu geben: Die Lehre der katholischen Kirche bezüglich des sowjetrussischen Kommunismus bleibt, was sie immer war. Aber die katholische Kirche hat nichts gegen das russische Volk. Jetzt aber ist das russische Volk unrechtmäßigerweise angegriffen worden. Also darf man das russische Volk unterstützen. Hätte »Hitlers Papst« so etwas getan; ein Papst, von dem Cornwell sagt, Hitler »hätte sich keinen besseren Wünschen können«?

Kirchliche Umschau: Hochwürden, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview mit Professor Pater Peter Gumpel SJ führte KU-Redakteur Jens Mersch im Generalat der Jesuiten in Rom.


Quelle: Kirchliche Umschau Nr. 11 / November 2000.