Hirntod der Moraltheologie

Von warmen Leichen und toten Seelen

Während heftig über Präimplantationsmedizin debattiert wird, über „therapeutisch“ oder „reproduktiv“ geklonte Embryonen, ja über deren Import und Export gar – »Haben Sie Waffen, Wertgegenstände oder Embryonen zu verzollen?« wird vielleicht die Frage des Jahres 2002 –, während solche Debatten also im Gange sind und die Christen sich ins Zeug legen, ihre moralischen Rückzugspositionen zu verteidigen, sind ähnliche Gefechte der letzten Jahre längst ausgefochten. Gegen die mit Beginn des Jahres 2002 gesetzlich gewährte Wohlanständigkeit des Hurengewerbes war der sittliche Widerstand wackrer Katholiken ohnehin nur kurz aufgeflammt. Die Sodomitenehe – mancher sagt lieber Schwulen- oder Homo-Ehe – wurde zwar etwas heftiger befehdet, doch haben mittlerweile auch die letzten Aufrechten resigniert. Da fällt die Prognose leicht, wie die Debatte um den geklonten Embryo ausgehen wird. Alles eine Frage des Markts, schließlich leben wir im Zeitalter der „Globalisierung“.

Ein ähnliches Scharmützel – vor fünf, sechs Jahren gefochten – lief nach beschriebenem Schema ab und ist heute nahezu vergessen. Weil uns der Gegenstand, um den es damals ging, grundlegender Natur zu sein scheint, sei hier der Versuch einer Reanimation unternommen. Nicht daß wir dächten, wir vermöchten ernstlich die damalige Debatte wiederaufzunehmen und das Resultat zu revidieren. Nein, über unsere Gesellschaft machen wir uns wenig Illusionen. Aber kein Wort der Wahrheit über den Menschen ist umsonst gesprochen, wenn nur einer es hört. Nein, selbst wenn keiner es hören mag: Denn vor dem Herrn geht nichts verloren.

Was also meinen wir? Den Disput um Hirntod und Organtransplantation. Im Zeichen einer „Ethik des Helfens“ – stets ein Euphemismus für utilitaristische Zweckmoral – proklamierten als christlich deklarierte Politiker, namentlich die als besonders konservativ angesehenen aus Bayern, im Verein mit der Crème der deutschkatholischen Moraltheologie es zur Christenpflicht, sich als Organspender eintragen zu lassen. Mehr noch, man erklärte es für legitim, von jedem, der sich nicht schändlicherweise ausdrücklich und beurkundet solcher Christenpflicht verweigere, von vornherein anzunehmen, er stehe im Falle eines Falles als Spender und Organbank zur Verfügung. Was konnte dagegen noch vorgebracht werden? Die Debatte ging den Weg alles Irdischen und verschied ohne weiteren Nachhall.

Wo also liegt der Haken? Im Konstrukt der „Hirntod“-Definition, das die Transplantation lebenswichtiger unpaariger Organe erst ermöglicht hat. Denn man kann nur lebende Organe verpflanzen: Sie müssen entnommen werden, solange der Leib des „Spenders“ noch lebt, samt Atmung, Kreislauf und Stoffwechsel. Die Organentnahme tötet diesen bis dahin – und andernfalls womöglich noch Wochen, Monate oder Jahre – lebensfähigen Körper. Um nun nicht als Mörder dazustehen, haben Ärzte den Hirntod erdacht: den Zeitpunkt, zu welchem – mutmaßlich endgültig – mit den Mitteln der heutigen Medizin keine Hirntätigkeit mehr feststellbar ist.

Das führt zu der paradoxen Situation dauerhaft „warmer Leichen“, wie sie einige Jahre zuvor durch den spektakulären Fall des „Erlanger Säuglings“ einem breiteren Publikum ins Bewußtsein drang. Die entscheidende Frage für die Kirche ist, ob der Christ die „Hirntod“-Definition akzeptieren kann. Was also ist der Tod des Menschen?

Die Antwort unterliegt keinem Zweifel: die Trennung der Seele vom Leib. Nun ist weiter zu fragen, wann diese Trennung erfolgt. Dabei kann es nicht darum gehen, ob sie möglicherweise schon bei Feststellung des „Hirntodes“ eintrete; denn solange auch nur die Möglichkeit offenbleibt, daß der hirntote Leib noch beseelt ist, bedeutet jede Entnahme lebenswichtiger unpaariger Organe zumindest die potentielle Tötung eines Menschen und ist darum unzulässig. Condicio sine qua non jeder solchen Organtransplantation ist also die keinem Zweifel unterliegende Gewißheit, daß die Feststellung des „Hirntodes“ realiter den Tod des jeweiligen Menschen bedeutet. Solche Gewißheit ist nicht zu gewinnen. Allein schon die Unsicherheit hinsichtlich der Diagnose des „Hirntodes“, mehr noch der Prognose über die vermutete Unumkehrbarkeit, gebietet den Verzicht auf Organentnahmen.

Doch über diese innere Untauglichkeit hinaus ist das ganze Konstrukt als solches a priori zu verwerfen. Wenden wir uns noch einmal der oben aufgestellten Bedingung der Trennung der Seele vom Leib zu. Was ist denn die Seele? – Hier ist nicht der Ort, die Frage philosophisch-theologisch zu behandeln. Nur soviel muß gesagt sein, daß die moderne Psychologie uns hier den Zugang erschwert, wenn nicht verstellt. Man hat die Seele problematisiert und psychologisiert und so – gut manichäisch – aus ihrem Zusammenhang mit dem Leib herausgebrochen. In Wahrheit ist sie nicht nur für primitive Vorstellungen, sondern auch für den Christen das, was eigentlich das Leben des Leibes ausmacht: Der „beseelte“ Leib ist eben der, der warm ist, atmet, sich bewegt – in dem Leben ist.

Darum auch sagt Christus: »Seid nicht ängstlich besorgt für euer Leben, was ihr essen sollt, noch für euern Leib, was ihr anziehen sollt« (Mt 6,25). Was da von den deutschen Übersetzern mit „Leben“ wiedergegeben wird, heißt im Original „ψυχή [psyché]“, lateinisch „anima“, also wörtlich „Seele“. Das elementar lebenserhaltende Essen ist also der Seele zugeordnet, die Kleidung als Bedeckung der Blöße gegen Scham und Kälte dem Leib. Diese Identifikation der Seele mit den Lebensfunktionen des Körpers entspricht dem durchgängigen Sprachgebrauch der Heiligen Schrift. (Griechisch „ζωή [z]“ dagegen – lateinisch „vita“ – meint stets das Leben im übernatürlichen Sinn.) Damit ist es nicht bloß möglich – was zur Verwerfung der „Hirntod“-Definition genügt hätte –, sondern darf als gesichert gelten, daß die Trennung der Seele vom Leib, also der Tod des Menschen, mit dem Erlöschen der elementaren Lebensfunktionen eintritt: mit dem irreversiblen Stillstand von Atmung und Kreislauf.

Ein weiteres ist zu bemerken. Die Befürworter der „Hirntod“-Definition und Koryphäen deutschkatholischer Moraltheologie verzichten in ihrer Argumentation darauf, von der Trennung der Seele vom Leib zu reden. Statt dessen meinen sie, mit dem „Hirntod“ sei der Tod dieses Menschen als Person gegeben. Auch Bischof Karl Lehmann von Mainz, mittlerweile purpurgeziert, äußerte sich damals ähnlich: Der Hirntod sei »auf seine Weise auch Ausdruck und reales Zeichen des Todes einer Person«.

Wie soll man das verstehen? Bin ich nach meinem Tode etwa keine Person mehr, nicht mehr ich selbst? Als was trete ich denn vor meinen ewigen Richter? Wie soll es dann eine Auferstehung der Toten geben? Nie und nimmer ist der Tod des Leibes, wann immer er eintrete, der Tod der Person! Sonst »ist unsere Predigt eitel, und euer Glaube ist leer« (I Cor 15,14). Der „Tod der Person“, wenn man so will, ist der „zweite Tod“, die ewige Verdammnis – doch darum geht es hier nicht.

Die Rede vom „Tod der Person“ im Zusammenhang der „Hirntod“-Debatte stammt von jenen her, die überhaupt die Existenz einer unsterblichen Seele leugnen, für die mit dem Tod des Leibes der Mensch als solcher aufhört zu existieren. Es sind jene, wie der Australier Peter Singer oder Norbert Hoerster in Deutschland, die die personale Qualität eines Menschen – und damit seine Würde – an Kriterien wie das Bewußtsein binden wollen: mit dem Ergebnis, daß Ungeborene, Neugeborene noch Wochen oder gar Monate nach der Geburt, Koma-Patienten, Schwachsinnige, debile Alte abgetrieben, getötet, euthanasiert werden. Kein Konjunktiv! Es geschieht bereits, nicht nur in Holland. Der „Tod der Person“ ist ein Trojanisches Pferd der listenreichen Kultur des Todes und der Hirntod die Erfindung des „Vaters der Lüge“, des „Menschenmörders von Anbeginn“. So sind die „Hirntoten“ wie die Embryonen zur Handelsware geworden, wie einst bei Gogol die toten Seelen des Tschitschikow.

Niemand stört sich mehr daran, scheint auf den ersten Blick doch alles so plausibel zu sein. Das freilich ist ja der Zweck der Übung: nicht gleich nach Pech und Schwefel zu stinken. So wird mir heute amtlich-katholisch die Organspende im vermeintlichen Todesfall als »hochherziger Akt christlicher Nächstenliebe« vorgelegt. Doch in Wahrheit ist das alles nur ein euphemistisches Spiel mit Worten. Ein tödliches Spiel, aber der Ausgang ist bekannt: »Gefallen, gefallen ist Babylon die Große« (Apc 18,2). Darum gilt für uns Christen auch mit Blick auf die Transplantationsmedizin, soweit es um lebensnotwendige unpaarige Organe geht: »Ziehet aus von ihr, mein Volk, auf daß ihr nicht an ihren Sünden teilhabet und nicht von ihren Wunden empfanget!« (Apc 18,4).

Robert Ketelhohn